Der Tagesspiegel : Unruhe im Paralleluniversum

Die Künstlervilla Wiepersdorf bringt Schriftsteller, Maler und Jobs ins entlegene Dorf. Nun geht das Geld aus. Ein Besuch

Marc Neller

Wiepersdorf. Nichts deutet darauf hin, dass sich viel geändert hat, seit Sarah Kirsch hierher kam, um Gedichte zu schreiben. Häuser stehen geduckt am Rand kleiner Straßen. Man glaubt zu verstehen, was die Dichterin meinte, als sie schrieb „Hier ist das Versmaß elegisch, das Tempus Präteritum“. Nichts, was einen ablenken könnte.

In der Mitte des Ortes steht ein zweigeschossiges Barockschloss mit angebauten Seitenflügeln. Es fällt auf, weil zwischen ihm und der Hauptstraße ein größerer Garten liegt und weil auch das Gebäude dahinter deutlich größer ist als die übrigen im Ort. Während im Kaminzimmer ein Maler aus Leipzig, ein portugiesischer Gitarrist und ein holländischer Romancier Zeitung lesen, sitzt Birgit Albrecht in einem der beiden Speisesäle und steckt sich eine weitere Zigarette an. Von den Themen, die derzeit in den Blättern stehen, bewegt sie vor allem eines: Das Künstlerhaus Wiepersdorf hat eine 225-jährige Geschichte und eine gewisse Tradition, aber hat es eine Zukunft? Wer bringt die 850000 Euro auf, die es jährlich kostet, rund 60 Stipendiaten aus allen Teilen Europas hier unterzubringen, zu versorgen und ihnen gute Arbeitsbedingungen zu bieten? Seit gut drei Jahren ist Birgit Albrecht stellvertretende Leiterin des Künstlerhauses. „Wenn sich bis Juni kein neuer Betreiber findet, dann müssen wir zum Jahresende schließen.“ Sie spricht es aus: schließen, aber sie glaubt es noch nicht. Sie hoffe noch, „auch wenn’s eng wird“.

Bis Ende des Jahres zahlt die „Stiftung Kulturfonds“, dann gibt es sie nicht mehr. Sie wurde 1990 als gemeinsame Fördereinrichtung der neuen Bundesländer gegründet, eröffnete das Künstlerhaus Wiepersdorf 1992 wieder: als Stipendiatenvilla. Im 19. Jahrhundert hatte das Dichterpaar Achim und Bettina von Arnim ein paar Jahre in dem Gutshof gelebt. Ein Nachfahre ließ das Haus zu dem Schloss ausbauen, das ab 1947 eine „Arbeits- und Erholungsstätte für Kulturschaffende“ wie Christa Wolf, Sarah Kirsch und so ziemlich alle Autoren war, die in der DDR einen Namen hatten. 1997 kündigte der Freistaat Sachsen den Vertrag mit der Stiftung, Ende des vergangenen Jahres folgten Sachsen-Anhalt und Thüringen. Nach dem Ausstieg des dritten Mitglieds hat die Stiftung laut Staatsvertrag keine Rechtsgrundlage mehr. Die Länder teilen die ehemals 92 Millionen Mark untereinander auf, die die Stiftung zu ihrer Gründung als Startvermögen von der SED erbte.

Brandenburgs Anteil ist zu gering, als dass sich der Betrieb in Wiepersdorf damit dauerhaft sichern ließe. „Ein bisschen absurd ist das schon“, sagt Birgit Albrecht. „Die Länder, die ausgestiegen sind, werden dafür noch belohnt.“ Sie dreht ihren Kopf zum Fenster. Auf der Terrasse sind die weißen Cafétische mit ihren runden Platten gegen Metallstühle gekippt. Ein schiefergrauer Himmel hängt über der weitläufigen Orangerie mit ihren verzweigten Kieswegen und den steinernen Statuen. Ein gesichtsloser Apriltag, dessen fahles Licht jeden Hinweis darauf verschluckt, wie spät es ist. Die Szene eignete sich als Symbol für die Lage des Künstlerhauses.

An diesem Wochenende eröffnet das Café die Saison, von der die zwölf Mitarbeiter hier hoffen, dass es nicht die letzte sein wird. Wie Kometen tauchten in den vergangenen Wochen Rettungsvorschläge aus verschiedenen Himmelsrichtungen auf. Die meisten verglühten ebenso schnell – so etwa die Idee, die Berliner Akademie der Künste könnte das Haus ab 2005 übernehmen. Der Einfall sollte die Brandenburger Staatskanzlei nicht verlassen. Als er es doch tat, folgten Dementis. Man wisse um die Finanznöte der Akademie und dass sie selbst erst kürzlich und nach zähen Verhandlungen gerettet worden sei. Mit welchem Geld Wiepersdorf langfristig erhalten werden könnte, zeichnet sich noch nicht ab.

Sicher ist nur, dass es nicht ohne Hilfe des Bundes gelingen wird. Alleine tragen wird er das Haus nicht, dass hat Kulturstaatsministerin Christina Weiss mehrfach gesagt. Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka aber spricht von „guten Verhandlungen mit Frau Weiss“. Zum Inhalt dieser Gespräche äußert sich die CDU-Ministerin nicht. In ihrem Haus ist von einer möglichen Zwischenlösung die Rede: dass der Bund und Brandenburg sich vorübergehend die Kosten mit privaten Sponsoren teilen könnten. Christina Weiss hält sich bedeckt. „Es gibt keinen neuen Stand“, sagt einer ihrer Sprecher.

„Klar, dass alle Verhandlungen schwierig sind: Wir sind ein Zuschussbetrieb“, sagt Birgit Albrecht. Das ist das Künstlerhaus seit zwölf Jahren. Seit es bildende Künstler, Geisteswissenschaftler, Komponisten und Autoren fördert. Ein Zuschussbetrieb, der einzige Arbeitgeber in einem 180-Seelen-Ort in Südbrandenburg und ein Paralleluniversum.

Zwei Frauen um die 70 stehen an der Dorfstraße, wie sie es an jedem Tag tun. Die Männer und Frauen, die hier ein paar Monate lang wohnen und ihre Bücher dann wieder woanders schreiben, lernen sie kaum kennen. Die Lesungen, Ausstellungen und Konzerte im Schloss besuchen eher Leute aus Jüterbog oder Dahme. Und jemand wie die Krimiautorin Doris Gehrke arbeitet hier selten. Sie ging täglich spazieren, nie ohne mit jemandem aus dem Ort gesprochen zu haben. Ulrich Peltzer, einer der aktuellen Stipendiaten, sagt von sich, er sei dazu nicht der Typ. „Eher einer, der einen ganzen Tag an seinem Schreibtisch sitzt, um eine druckbare Seite zustande zu bringen.“ Er hat für das Künstlerhaus „getan, was ein Schriftsteller ohne politische Lobby tun kann“: den offenen Brief an Christina Weiss und Matthias Platzeck, Brandenburgs Ministerpräsidenten unterschrieben, in dem 300 Intellektuelle an das „außerordentlich kulturelle Erbe“ und „das überaus glückliche internationale Konzept“ erinnern.

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