Unruhen inTtibet : Razzien gegen tibetische Regimekritiker

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Tibet spitzen sich zu: Die chinesischen Behörden lassen verdächtige Personen in Lhasa festnehmen. Zugleich beteuern sie, dass die Gewalt ausschließlich von Tibetern ausgeht. Das tibetische Exilparlament in Indien weist die Vorwürfe zurück und wirft den chinesischen Militärs vor, hunderte Demonstranten getötet zu haben.

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China reagiert mit verstärkten Kontrollen und Festnahmen auf die Unruhen in Tibet. -Foto:AFP

LhasaBei Razzien hat die Polizei am Montag in Lhasa nach exiltibetischen Angaben einige hundert Tibeter festgenommen. Wegen der schlechten Sicherheitslage nach den blutigen Protesten gegen die chinesische Fremdherrschaft wurden alle Ausländer angewiesen, das Hochland zu verlassen. Auch dürfen keine Ausländer mehr einreisen.

Die Unruhen haben nach Angaben des tibetischen Regierungschefs Qiangba Puncog "schwere Schäden und einen großen Verlust an Menschenleben" verursacht. Auf einer Pressekonferenz in Peking beklagte er eine "Verschwörung heimischer und ausländischer Unabhängigkeitskräfte". Die separatistischen Bemühungen seien "zum Scheitern verurteilt". Tibets Regierungschef berichtete von 13 getöteten unschuldigen Bürgern. Wie viele Tote es unter den tibetischen Demonstranten gegeben habe, ließ er offen.

Friedliche Prosteste oder "zerstörerischer Amoklauf"

Qiangba Puncog widersprach aber exiltibetischen Angaben über rund 90 Tote. Zudem behauptete er die Unruhen seien von dem exilierten religiösen Oberhaupt der Tibeter, dem Dalai Lama, "vorsätzlich geplant" gewesen und zeigte sich "empört", dass der Dalai Lama und einige andere im Westen "den zerstörerischen Amoklauf der Randalierer als "friedliche Proteste" beschreiben". Qiangba Puncog bestritt, dass das Feuer auf Demonstranten eröffnet worden sei. "Die Sicherheitskräfte haben im Umgang mit den Zwischenfällen die ganze Zeit hindurch Zurückhaltung gezeigt."

Bei ihrem Einsatz seien 61 Polizisten verletzt worden, davon sechs schwer. Die Randalierer hätten die Polizisten "extrem brutal" angegriffen. An 300 Stellen in Lhasa seien Feuer ausgebrochen, darunter in 214 Geschäften. 56 Autos seien beschädigt oder in Brand gesetzt worden. Chinas Staatsfernsehen zeigte Bilder von Schwerverletzten im Krankenhaus. Die Lage in Lhasa beschrieben Bewohner der tibetischen Hauptstadt am Montag als ruhig. Die Präsenz der Sicherheitskräfte in den Straßen sei massiv.

Bekannte Oppositionelle festgenommen

Bewohner und exiltibetische Organisationen berichteten, dass die Polizei seit Sonntag Razzien vornehme. Die Sicherheitskräfte gingen von Haus zu Haus und nähmen alle verdächtigen Tibeter, insbesondere junge Leute, fest. Dabei würden Tibeter auch geschlagen, wie das exiltibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) aus Indien berichtete. Alle, die bereits früher aus politischen Gründen inhaftiert waren, seien wieder aufgegriffen und in Haft genommen worden. In der Nacht zum Dienstag sollte für Teilnehmer an den Unruhen die Frist ablaufen, in der sie sich der Polizei stellen sollten. Bis dahin könnten sie noch mit Nachsicht und Strafminderung rechnen.

Die Anweisung, dass alle Ausländer die Region verlassen sollten, ließ offen, ob die Ausreise zwingend ist. Doch deutete vieles darauf hin. Der Sprecher des tibetischen Außenamtes sagte: "Wir empfehlen ausländischen Touristen, Tibet in den kommenden Tagen zu verlassen." Tibets Regierungschef ergänzte, dass außer Touristen alle ansässigen Ausländer aus der Region ausreisen sollten. Bis Montagabend mussten alle ausländischen Helfer von Nichtregierungsorganisationen (NGO) das Land verlassen.

Proteste an Schulen und Universitäten

Die Proteste hatten am Wochenende von Lhasa auch auf andere Orte sowie auf Klöster in anderen Regionen des alten tibetischen Territoriums in den angrenzenden Provinzen Gansu, Sichuan und Qinghai übergegriffen. Nach einer Demonstration in Aba (Ngaba) in Sichuan seien acht Tote in das Ngaba Kirti Kloster gebracht worden, berichtete das exiltibetische TCHRD-Zentrum. Sicherheitskräfte hätten "wahllos in die friedlich protestierenden Tibeter geschossen".

In der Provinz Sichuan hätten sogar rund 100 Schüler einer Mittelschule protestiert und sich für die Rückkehr des Dalai Lama nach Tibet ausgesprochen. Die Polizei habe rund 40 Schüler verprügelt. Auch in der Provinz Gansu sei es am Vortag zu Protesten gekommen. Rund 500 tibetische Studenten an der North Western Nationality University in der Provinzhauptstadt Lanzhou hätten auf dem Universitätsgelände demonstriert. Die Polizei halte 300 von ihnen auf dem Gelände fest. Von zwei Zwischenfällen berichtete die Organisation auch aus dem Kreis Maqu in Gansu. (iba/dpa)