Unteres Odertal : Streit der Naturfreunde gefährdet Nationalpark

Dem Nationalpark am Unteren Odertal fehlen die Totalreservate. Der Förderverein blockiert Übergabe von Flächen an die höchste Schutzzone. Das Brandenburger Landwirtschaftsministerium spricht dem Förderverein inzwischen sogar die „naturfachliche Kompetenz“ für dessen Flächen ab.

Claus-Dieter Steyer

CriewenBrandenburgs einziger Nationalpark am Unteren Odertal steht wohl bis mindestens 2020 lediglich auf dem Papier. Denn es mangelt in dem 60 Kilometer langen und bis zu 10 Kilometer breiten Streifen entlang des Grenzflusses bei Schwedt an der notwendigen Größe von Totalreservaten. In diesen Wildniszonen soll die Natur sich selbst überlassen werden, so dass Landwirtschaft, Jagd und Fischerei nicht mehr stattfinden darf. Erst wenn auf mindestens der Hälfte einer ausgewiesenen Nationalparkfläche der Mensch nicht mehr eingreift, werden die internationalen Kriterien erfüllt.

Derzeit tragen auf den Landkarten aber erst weniger als 25 Prozent des 10 000 Hektar großen Naturschutzgebietes den Eintrag als Wildniszone. „Wir können den gesetzlichen Auftrag des Landtages leider nur mithilfe der Verwaltungsgerichte durchsetzen“, sagte der Nationalparkchef Dirk Treichel gestern im Schloss Criewen. „Der Flächeneigentümer weigert sich beharrlich, die Gebiete endlich in die höchste Schutzzone zu entlassen.“ Deshalb bliebe nur der Klageweg, der sich mindestens zehn Jahre hinziehen dürfte.

Beim Eigentümer der wertvollen Flurstücke entlang der Oder handelt es sich aber keineswegs um einen sturen Großgrundbesitzer oder um geldgierige Landwirte. In den Grundbüchern steht der Verein der Freunde des Deutsch-Polnischen Europa-Nationalparks „Unteres Odertal“. Mit rund 12 Millionen Euro Steuergeld hat der ehrenamtlich geführte Zusammenschluss von Naturfreunden, Biologen, Zoologen und anderen Personen seit Mitte der neunziger Jahre etwa 5 500 Hektar Land erworben, um es im Sinne des Naturschutzes zu bewahren. „Leider verdient der Förderverein nicht mehr seinen Namen“, klagt Nationalparkchef Treichel. „Offensichtlich hat er es nur auf die von uns geschätzten 500 000 Euro jährlichen Pachtzinsen angelegt, die er von den Landwirten kassiert.“ Es sei sehr bedauerlich, dass das herrliche Odertal durch die seit Jahren andauernden Streitereien einen solchen Image-Schaden erleide. Aber jeder Besucher eines Nationalparks verlange ganz einfach eine ausreichende Größe von Totalreservaten.

Das Brandenburger Landwirtschaftsministerium spricht dem Förderverein inzwischen sogar die „naturfachliche Kompetenz“ für dessen Flächen ab. „Er garantiert beispielsweise nicht den umfassenden Vogelschutz und hält auch anderweitige Zielsetzungen nicht ein“, sagte der Abteilungsleiter Naturschutz, Axel Steffen. Großes Unverständnis hatte kürzlich die Beweidung einer für die Totalreservate vorgesehenen Fläche mit Wasserbüffeln ausgelöst. „Ein Nationalpark ist doch kein Experimentierfeld für den Einsatz dieser Tiere, die überhaupt nicht hierhergehören“, kritisierte Dirk Treichel.

Der angegriffene Förderverein, der in Teerofen bei Schwedt eine große Wildnisschule mit mehreren Bungalows betreibt, weist die Vorwürfe zurück. „Bevor wir unsere Flächen zum Totalreservat erklären, müsste das Land Brandenburg das zuerst mit seinem Eigentum machen“, sagte der Vereinsvorsitzende, der Pfarrer Thomas Berg. „In Totalreservaten haben wir keine naturschutzfachlichen Gestaltungsmöglichkeiten und keine Einnahmen mehr, sondern nur Kosten durch Abgaben an den Wasser- und Bodenverband.“

Eine Lösung scheint nicht in Sicht zu sein. Rad- und Kanutouristen sowie Wanderer bekommen von dem Streit zum Glück nichts mit.

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