Der Tagesspiegel : UNTERM ADLER

Thorsten Metzner über einen spöttischen Fraktionschef, einen spendablen Bundestagsabgeordneten und den Kampf der CDU für leichtere Schulranzen

Thorsten Metzner

Günter Baaske, der für seine spitze Zunge bekannte Chef der SPD- Landtagsfraktion, wäre jetzt in Neuruppin beinahe zur Persona non grata geworden: Baaske und seine Fraktion, die dort auf einer Klausur im Seehotel – passenderweise im Raum „Berlin“ – über soziale Wohltaten wie in der rot-rot regierten Hauptstadt berieten, ließen sich am Abend bei einem Stadtrundgang noch die Schönheiten der Fontanestadt zeigen. Die betagte Stadtführerin erzählte nicht nur von Theodor Fontane und Preußen, sondern auch vom heutigen Neuruppin, der Kreisstadt von Ostprignitz-Ruppin: „Sie wissen schon, mit dem Autokennzeichen ,OPR‘.“ – „Oh“, reagierte Baaske frech, „ich dachte, hier ist die Stadt mit ,XY‘!“ Eine Anspielung auf jene Drogenbande mit Verbindungen bis ins Rathaus, die bundesweit Schlagzeilen gemacht hat und mit den Buchstaben XY auf den Nummernschildern durch die Stadt kutschiert war. „Das war jetzt aber gar nicht fair!“, konterte die Stadtführerin und drohte prompt: „Ich wähle nie mehr SPD.“ Prompt leistete Baaske Abbitte.

Ja, die Sozialdemokraten und ihre Wendigkeit. Da grübelt die Landtagsfraktion noch über kostengünstige Schulbusse und Härtefallfonds für Schüler aus armen Familien. Doch der frühere Bildungsminister und Bundestagsabgeordnete Steffen Reiche ist schon viel, viel weiter. Nachdem man von ihm lange nichts hörte, hat er jetzt in der Lausitz mit einem eigenen „Sozialticket“ Aufsehen erregt. Der Bundestagsabgeordnete hatte in einem Anzeigenblatt verkündet, dass er – zum Teil aus seiner Diätenerhöhung – kostenlose Zugfahrten zum Berliner Reichstag samt Imbiss spendiere. Die Resonanz war so überwältigend, dass Server und Telefonleitungen der örtlichen SPD lahmgelegt wurden: Es gab gleich über 400 Anmeldungen. Beim ersten Mal nahm Reiche über einhundert Lausitzer im Zug mit nach Berlin, die nächste Tour soll am 23. Februar starten. Er wird, sagt die örtliche Landtagsabgeordete Kerstin Kircheis hochzufrieden, „den Rest des Jahres brauchen, um alle nach Berlin zu führen.“

Aber auch die Christdemokraten in Brandenburg haben eine soziale Ader – und ein Gespür für echte Nöte. So wollte Ingo Senftleben, der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, von der Landesregierung jetzt wissen, welche Maßnahmen sie gegen „unangemessen schwere Schulranzen“ unternommen habe. Denn diese seien eine „Belastung“, die zu Haltungsschäden bei den Kleinen führen könne – was Eltern von Grundschulkindern angesichts der Ranzen-Zuladung mit Unterrichtsmaterialien nur bestätigen können. Die Antwort der Regierung fiel folgendermaßen aus: Man habe das Problem bei den Schulämtern „thematisiert“ und mit ihnen „diskutiert“, hieß es lapidar. Die Regierung schlägt jetzt vor, dass Grundschüler ihre Schulmaterialen und Sportsachen in der Schule aufbewahren: So gebe es „zum Beispiel abschließbare Spinde auf den Schulfluren, spezielle Kellerräume, Schränke in den jeweiligen Klassenräumen, Ablagemöglichkeiten unter den Schulbänken.“

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