Der Tagesspiegel : UNTERM ADLER

Thorsten Metzner über kleine Unterschiede mit großer Wirkung und freie Künste im toleranten Potsdam

Thorsten Metzner

Manchmal geht eben alles schief. Wieland Niekisch, der Vize-Chef der CDU-Landtagsfraktion, hat so eine Pechsträhne. Schlimm genug für den 51-Jährigen, dass Gegner um Ex-Generalsekretär Sven Petke in seinem Potsdamer Kreisverband nichts unversucht lassen, um Niekisch als Kreischef zu stürzen – kurz vor den Kommunalwahlen. Jetzt sollte Niekisch, von Hause aus als Historiker und DDR-Flüchtling prädestiniert, Mitglied des Beirates der Stasi-Unterlagenbehörde werden. Bislang ist in dem Gremium der einstige DDR-Regimekritiker Rainer Eppelmann vertreten, der ausscheiden wollte. Doch auf Hinweis des SPD-geführten, sehr aufmerksamen Potsdamer Sozialministeriums stellte sich heraus, dass Niekisch ein Handicap hat: Er ist ein Mann. Wenn aber ein Mann aus dem Beirat der Birthler-Behörde ausscheidet, muss aus Proporzgründen eine Frau nachrücken. Auf eine Frau konnte sich Brandenburgs Kabinett aber nicht verständigen. Also macht Eppelmann weiter. Brandenburg ist eben Spitze bei der Bewältigung des demografischen Wandels.

Ja, der kleine Unterschied, der kann manchmal schon Ärger machen: Das erlebt jetzt Wolfgang Joop, der in Potsdam lebende und arbeitende Designer, wie er bei einem Besuch im von seiner Tochter Florentine geführten Restaurant „Barokoko“ am Holländischen Viertel kund tat. Es geht um ein Kunstwerk, das Wolfgang Joop am Grab seines Vaters Gerhard auf dem Bornstedter Friedhof aufgestellt hat. Die nackte Skulptur ist in sich gekehrter Engel, Jüngling und Greis zugleich. „Doch Besucher haben sich beschwert: Sie meinen, sein Penis sei erigiert. Aber das stimmt gar nicht“, erzählte Joop. Nun ja, dass „der für einen Engel schon ein bisschen groß geraten ist“, will er gar nicht bestreiten. „Ich weiß auch nicht, woran der Künstler da gerade gedacht hat“. Jedenfalls darf der Joopsche Engel – im toleranten Potsdam sind die Künste frei – stehen bleiben. Und Joop macht eine Entdeckung: „Da pilgern schon Touristen hin.“ Friedhofsleiterin Jutta Erb-Rogg lobte das Kunstwerk: „Die Botschaft lautet: Mein Vater wird zum Engel. Das ist unglaublich liebevoll.“

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