Der Tagesspiegel : UNTERM ADLER

Michael Mara

über verschiedene Methoden von Politikern, eine Sitzung abzukürzen Es ist Tradition: Jeden Dienstag treffen sich die SPD-Kabinettsmitglieder morgens zu einer Abstimmungsrunde im Landtagsbüro von Ministerpräsident Matthias Platzeck. Einer aber, so wird missbilligend berichtet, kommt immer zu spät: Finanzminister Rainer Speer. Neuerdings wird er in der Runde schon so begrüßt: „Hallo Steffen!“ Eine Anspielung auf den früheren Bildungsminister Steffen Reiche, der vor seinem Ausscheiden aus dem Kabinett der notorische Zuspätkommer in der Morgenrunde war. Zwar verriet Speer bislang nicht, warum er nie pünktlich komme. Dafür erzählte er, wie er es früher hielt: „Wenn ich in der Schule zu spät zum Russisch-Unterricht kam, war meine Standardausrede immer: Schranke runter“, so Speer. „Auf Russisch heißt das: ,Schlagbaum sakrüt‘“. Leider nehme ihm diese schöne Ausrede heute niemand mehr ab.

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Die Mühlen der Brandenburger Justiz mahlen immer noch sehr langsam – wie jetzt auch Dagmar Enkelmann erfahren musste. Schon am 2. September hatte die Noch-Fraktionschefin der Linkspartei im Landtag Strafanzeige gegen CDU-Landeschef und Innenminister Jörg Schönbohm wegen Verleumdung gestellt, weil er sie am Vorabend auf einer Kundgebung in Potsdam fälschlicherweise der Stasi-Mitarbeit bezichtigte. Drei Wochen danach ist merkwürdigerweise immer noch nicht entschieden, ob gegen den Innenminister ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird oder nicht. Schuld soll der Dienstweg sein: Die in Bernau von der Polizei aufgenommene Anzeige ging erst zur Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder). Die brauchte wiederum eine Weile, um festzustellen, dass die Potsdamer Staatsanwaltschaft zuständig ist. Dort ist die Anzeige jetzt eingetroffen. Es kann sich also nur noch um Wochen handeln, bis sie bearbeitet wird. Enkelmann wird dann längst im Bundestag sitzen.

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Als der Kultur- und Wissenschaftsausschuss des Landtages jetzt das Leibniz-Institut für Gemüseanbau in Großbeeren besuchte und dort tagte, war der Empfang sehr freundlich. Die Wissenschaftler hatten ein Gemüsebuffet vorbereitet, mit Tomaten, Gurken und Paprika, und die Gäste ließen es sich schmecken. Just als die Ausschusssitzung begann, eilte der CDU-Abgeordnete Wieland Niekisch noch einmal schnurstracks zur Gemüsetheke, holte eine Plastiktüte heraus – und packte ein. „Das sah schon seltsam aus, so mit Anzug und Schlips“, so ein Teilnehmer. „Man überlegte schon, ob er einen vegetarischen Hund hat.“ Als er die erstaunten Blicke seiner Ausschusskollegen sah, erklärte Niekisch: „Das ist für meine kleine Tochter. Die isst so gern Gemüse.“ Wahrscheinlich brach er deshalb auch schon nach einer halben Stunde auf. Die wichtigen Dinge des Lebens haben eben Vorrang.

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