Der Tagesspiegel : UNTERM ADLER

Thorsten Metzner

Die Leichtigkeit des Seins im Weinland inspirierte: Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) konnte von seiner Reise nach Niederösterreich nicht nur politische, sondern auch rhetorisch-kulinarische Anregungen mit nach Hause nehmen: In der dortigen Hauptstadt Sankt Pölten lernte der Hobbykoch zu mitternächtlicher Stunde in einer Wirtshausküche, dass das Rührei zu den „Fluchtachterln“ genannten Abschiedsbechern am besten mundet, „wenn man es mit siedend heißem Öl brutzelt“, es müsse „qualmen“ Noch mehr faszinierte ihn aber, dass er von Gesprächspartnern auf knifflige Fragen regelmäßig folgende Antwort hörte: „Ja und Nein!“ Das passt so schön zu seinem Lieblingsspruch, dass sich „das Leben immer in Relationen abspielt“. Eine jener Relationen ist allerdings auch für Platzeck bitter: Allein im kleinen Sankt Pölten (50 000 Einwohner) zählen die Sozialdemokraten 7000 Mitglieder, so viele wie in ganz Brandenburg. Und zum 1. Mai marschieren in Wien alljährlich gar einhunderttausend Genossen auf, was dem Gast wiederum allzu bekannt vorkam. „Und das freiwillig, anders als in der DDR.“ Zu einer der nächsten Mai-Demos will Platzeck nun unbedingt nach Wien. Demo-Tourismus für Ossis – eine hübsche Geschäftsidee.

Jörg Schönbohm, der weit gereiste konservative Senior im Kabinett, lächelt wohl eher mild über die Weiterbildungs- tripps seines Chefs. In der SPD belächelt man wiederum, mit welcher Verve sich der Innenminister ins Zeug legt, damit sich in Brandenburg keine „Schläfer“ ansiedeln, also Terroristen, die irgendwo in der Uckermark oder Prignitz einen Bauernhof bewirtschaften, um dann irgendwann loszuschlagen. Jedoch hat Schönbohm des Öfteren auch schon ziemlich richtig gelegen. Als er sein Amt als Innenminister antrat, fielen ihm viele dickbäuchige Polizisten auf, was er prompt in einem Interview kundtat und einen Proteststurm auslöste. Von seinem Sporterlass, der Brandenburgs Polizisten zu Leibesübungen verdonnerte, ließ er sich trotzdem nicht abbringen. Und siehe da, bei den jüngsten Weltmeisterschaften von 9000 Polizisten und Feuerwehrmännern in Australien schlug sich das brandenburgische Team bravourös. Die 13 Männer und Frauen holten viermal Gold, neun- mal Silber, siebenmal Bronze. Noch eine Dienstreise, die sich gelohnt hat.

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