Der Tagesspiegel : UNTERM ADLER

Thorsten Metzner über einen märkischen Häuptling in Amerika

Thorsten Metzner

Er nannte sich einmal der „Häuptling der Streusandbüchse“. Als besonders reisefreudig galt Manfred Stolpe, der zwölf Jahre Ministerpräsident in Brandenburg und danach Bundesverkehrsminister war, ja nie. Aber jetzt zieht es den Pensionär, der sich für die Rettung verfallener Herrenhäuser in der Mark und engere Kontakte nach Osteuropa einsetzt, in die weite Welt. Stolpe wird demnächst gemeinsam mit seiner Frau Ingrid für drei Wochen nach San Francisco aufbrechen, wo seine Tochter lebt. Aber er wäre nicht Stolpe, wenn er das Angenehme nicht mit dem Nützlichen verbinden würde. Er wolle, wie der 71-Jährige sagte, „in dieser Zeit meine Englisch- Kenntnisse intensivieren“. Es werde zwar amerikanisches Englisch sein – aber Stolpe verspricht sich davon merkwürdigerweise auch Vorteile für seine Aktivitäten in Russland und Osteuropa. Er spricht zwar Russisch, hat aber die Erfahrung gemacht, dass das Englische bei der „neuen Generation der Russen“ einfach in und eine Selbstverständlichkeit sei. „Da kann man mit Englisch viel machen.“

Brandenburg hat wenige Einwohner und deshalb wenige Politiker. Auf Empfängen sieht man daher meistens dieselben Gesichter. Als jetzt in Brandenburg/Havel der neue Dienstsitz der Generalstaatsanwaltschaft eingeweiht wurde, war das anders. Mit entwaffnender Offenheit lüftete Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg später vor dem ausgewähltem Publikum beim Festakt im Saal das Geheimnis seiner Einladungspraxis: „Mir ist zu Ohren gekommen, dass sich einige hochgestellte Persönlichkeiten des Landes mokiert haben, erst ab 12 Uhr auf den Hof eingeladen zu sein.“ Doch die Zahl der Sitzplätze im Saal sei nun einmal begrenzt gewesen, und die Mitarbeiter hätten für ihn Vorrang. Er habe das häufig praktizierte Szenario vermeiden wollen, „dass sich die Behördenleitung im Festsaal in der Gegenwart hochgestellter Persönlichkeiten sonnt, während die Mitarbeiter der einzuweihenden Behörde auf den Fluren herumlungern“, sagte Rautenberg. Wer sich mokierte, weil er für den Festakt keine Einladung bekommen hatte, verriet er leider nicht.

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