Der Tagesspiegel : Unvergessen

Ehemalige Häftlinge besuchten Cottbuser Gefängnis

Simone Wendler

Cottbus - „Ich habe nicht gedacht, dass ich noch mal durch dieses Fenster schauen würde“, sagt Peter Nowick. Dann zeigt er seiner Frau, wo die Etagenbetten in der Zelle standen, und wo die einzige Toilette für mehr als ein Dutzend Gefangene war. Von 1982 bis 1985 hatte der ehemalige Cottbuser, der seit vielen Jahren in Berlin lebt, 30 Monate in der Cottbuser Haftanstalt verbracht, bevor er vom Westen freigekauft wurde. Wegen seiner Arbeit in der kirchlichen Friedensbewegung wurde er immer wieder schikaniert. Berichte darüber an Freunde im Westen wurden von der DDR-Justiz als „Nachrichtendienstliche Verbindungsaufnahme“ mit drei Jahren Haft quittiert.

Nowick ist nach Cottbus gekommen, um seiner Frau, die aus dem Westteil Berlins stammt, den Ort seiner Haft zu zeigen: „Den jüngeren Leuten heute ist egal, was damals war, dem Staat geht es bei dem Thema nur ums Geld“, so lautet seine nüchterne Einschätzung des öffentlichen Umgangs mit der Erinnerung an die Opfer der SED-Diktatur. Wie sehr das Thema Betroffene und ihre Angehörigen noch bewegt, zeigte die große Resonanz auf die Einladung einiger CDU-Politiker um den Landtagsabgeordneten Dieter Dombrowski zu einem Treffen in der ehemaligen Haftanstalt. Etwa 600 Menschen kamen in das nach Bautzen größte DDR-Gefängnis für „Politische“. Der über hundert Jahre alte Bau wurde noch bis 2002 als Gefängnis genutzt. Seither steht er leer und soll demnächst verkauft werden. Gestern konnten die Hafthäuser noch einmal besichtigt werden. Dort sind die Wände inzwischen mit Graffiti beschmiert, die Fenster zerschlagen.

Dieter Dombrowski hat 1974/75 in Cottbus wegen versuchter Republikflucht eingesessen. Seine Schwester, die beim Besuch einen Kassiber mitnahm und in den Westen schmuggelte, wurde dafür zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. „Die Opferrente von 250 Euro monatlich will sie nicht haben, solange Stasileute Sonderrenten bekommen“, sagt Dombrowski. Und kritisiert, dass gerade in Brandenburg zu wenig getan werde, um an die dunkle Seite der DDR zu erinnern. Das Cottbuser Gefängnis sei dafür ein trauriges Beispiel. „Hier ist bisher nichts erforscht worden“, sagt der CDU-Politiker. Auch seine eigene Partei habe sich bisher bei diesem Thema zu sehr zurückgehalten. Das soll sich ändern. In einer „Cottbuser Erklärung“, die gestern mehrere hundert Menschen unterschrieben, fordern Dombrowski und andere Politiker, jene Orte zu bewahren, in denen Menschen gelitten haben.

Wolfgang Arndt aus Berlin würde es gern sehen, wenn aus dem Gefängnis, wo er zwei Jahre eingesperrt war, eine Gedenkstätte würde. Als sich eine Frau bei ihm bedankt, weil er damals den Mund aufgemacht habe, wird er verlegen. „Wir waren keine Helden“, sagt er, umringt von Zuhörern in seiner ehemaligen Zelle. „Wir hatten Angst und wollten nur mit heilem Arsch hier raus.“ Simone Wendler

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