US-Wahlen : Ein Prediger auf dem Weg ins Weiße Haus

Nur noch sechs Wochen bis zum Beginn der Vorwahlen in den USA. Für die Republikaner könnte der streng christliche Mike Huckabee antreten. Er stürmt in Umfragen nach vorne und hat gute Chancen. Abtreibung bezeichnet er als "Holocaust", die Evolutionstheorie lehnt er ab.

Peter Wütherich[AFP]

WashingtonNoch ist es völlig offen, wen die Republikaner von Präsident George W. Bush zu ihrem Kandidaten für das Weiße Haus bestimmen. Konservativ sollte der Kandidat sein und am besten auch noch religiös, um die Stimmen der vielen Millionen streng christlicher Wähler zu bekommen. Bush, der fromme Präsident, hatte seine Wahlsiege gerade dem Zuspruch dieser Evangelikalen zu verdanken, deren machtvolles Wählerpotenzial für die Republikaner unverzichtbar ist. Diese christliche Basis steht hinter einer Entwicklung, die zum politischen Adventswunder des Wahlkampfs werden könnte: dem Aufstieg des Außenseiters Mike Huckabee zum ernsthaften Kandidaten.

Politik in Gottes Namen: Mike Huckabee ist 52 Jahre alt, er ist gelernter Baptisten-Pastor, und wie von himmlischen Mächten geführt, schießt er in den Umfragen derzeit nach oben. Im richtungsweisenden Bundesstaat Iowa, wo am 3. Januar die Vorwahlen beginnen, liegt er laut einer Umfrage der "Washington Post" von dieser Woche mit 24 Prozent parteiintern schon auf Platz zwei - im Vergleich zu nur acht Prozent wenige Monate zuvor. Huckabees verblüffender Aufstieg illustriert die Unzufriedenheit der religiösen Basis mit den bisherigen Parteifavoriten: dem Mormonen Mitt Romney, der derzeit in Iowa knapp vor Huckabee führt, und dem USA-weit derzeit noch als Favorit gehandelten Rudolph Giuliani, zweifach geschiedener Ex-Bürgermeister von New York.

Huckabee: Nein zur Abtreibung und gleichgeschlechtlicher Ehe

Auch wenn die US-Verfassung eine Trennlinie zwischen Religion und Staat zieht: De facto gibt es keine Trennung zwischen Religion und Politik - ganz einfach deshalb, weil die USA ein gottesfürchtiges Land sind und die Politiker auf die Stimmen der Gläubigen setzen. Bushs Wahlkampfguru Karl Rove zimmerte eine Koalition aus konservativen und religiösen Wählern, die den Republikanern auf Dauer die Macht sichern sollte. Sie scharten sich um ideologische Kernanliegen: Nein zur Abtreibung, nein zur gleichgeschlechtlichen Ehe, nein zur Pornografie. Die Gruppe der evangelikalen Wähler steuerte ein Viertel der Stimmen zu Bushs Wahlsiegen bei. Bleiben sie bei der nächsten Wahl zuhause, dürfte es keinen republikanischen Präsidenten geben.

Huckabee bietet sich als Retter jener Koalition an, die am Streit über Giuliani und Romney zerbrechen könnte. Knapp die Hälfte der Evangelikalen in Iowa steht inzwischen laut Umfrage hinter ihm. Was ihm an Wahlkampfgeldern fehlt, macht der Außenseiter durch samtige Rhetorik und Gottvertrauen wett. In TV-Auftritten zeigt er Humor, bisweilen spielt er Bassgitarre in einer Rockband. Dabei ist er kein Liberaler. Abtreibungen bezeichnet er als "Holocaust". Die Evolutionstheorie lehnt er ab. In seiner Amtszeit als Gouverneur des Südstaats Arkansas setzte er eine besondere Art der Ehe durch: Bei der "Covenant Marriage", die Ehepartner freiwillig schließen können, ist eine Scheidung nur bei schwerwiegenden Gründen wie Missbrauch oder Ehebruch erlaubt.

"Huckabee steht an der Schwelle zum Durchbruch, die Unterstützung der Religiösen macht ihn zu einem ernsthaften Mitspieler", sagt Professor Cary Covington von der Universität Iowa. Huckabees Problem: Bis Oktober sammelte er nur 2,3 Millionen Dollar Wahlkampfspenden, Giuliani fast 50 Millionen, Romney mehr als 60 Millionen. Ein Sieg oder zumindest ein achtbarer zweiter Platz Anfang Januar in Iowa würde ihm aber viel kostenlose Aufmerksamkeit der Medien sichern und seine Chancen in den nachfolgenden Vorwahlen in den anderen Bundesstaaten noch steigern. Vielleicht ist es ein gutes Omen, dass er im Städtchen Hope ("Hoffnung") geboren wurde. Dort stammt auch Bill Clinton her, der sich vom Außenseiter zum Präsidenten emporgearbeitet hat. (mit Afp)