Abwrackprämie : Autokauf: Hauptsache günstig

Seit es die Abwrackprämie gibt, sind die Deutschen im Neuwagen-Fieber. Vier Reifen, ein Lenkrad, einen Motor soll es haben. Und natürlich fahren muss das neue Gefährt. Nur eines darf es auf keinen Fall: Viel kosten.

Birte Honsa
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BerlinBerlin - „Die Leute wollen das Allerallergünstigste, ein Auto mit vier Rädern und einem Lenker eben“, erzählt Ümit Ufak. Die teils abstrusen Auswirkungen der Abwrackprämie bekommt der Verkaufsberater im Autohaus Kia Motors in Mariendorf täglich zu spüren. Um den Preis zu drücken, verzichten Ufaks Kunden trotz Sommerhitze auf Klimaanlage und elektrische Fensterheber. Seit die Bundesregierung Anfang des Jahres die Umweltprämie beschlossen hat, verkaufen sich im Autohaus an der Großbeerenstraße besonders die kleinen Modelle wie der Picanto oder der Rio gut. „Richtig still ist es nie – trotz Ferienzeit“, erzählt Ufak.

Ähnliches weiß Arne Hoth zu berichten. Seit es die Prämie gibt, finden sich deutlich mehr Neuwageninteressierte im Peugeot-Autohaus Höser in Neukölln ein und inspizieren insbesondere die Preisschilder. „Der Preis steht bei den Kunden immer im Vordergrund.“ So gingen die Kleinwagen wie der 207er besonders gut weg, ab Mittelklasse aufwärts seien die Modelle nicht mehr so gefragt.

Dass fast ausschließlich die Kleinwagenhersteller von der Abwrackprämie profitieren, verwundert nicht. 2500 Euro zahlt der Staat einem Autokäufer, der sein mindestens neun Jahre altes Fahrzeug verschrotten lässt und sich einen Neu- oder Jahreswagen zulegt. Insgesamt zwei Millionen Autobesitzer können von dem staatlichen Geschenk profitieren. Ein verlockendes Angebot, doch wegen der Wirtschaftskrise treten viele Autofahrer auf die Kostenbremse. Neues Auto: Ja, teures Auto: Nein.

So hat sich der Markt zugunsten der Importeure aus Südkorea, Rumänien oder Italien verschoben. Seit Einführung der staatlichen Umweltprämie ist der Anteil an den Neuzulassungen von Hyundai um einen Prozentpunkt gestiegen, der von Dacia um 1,5 Prozentpunkte, und der italienische Autobauer Fiat konnte sogar um 2,1 Prozentpunkte auf fünf Prozent zulegen. Das Nachsehen haben die deutschen Premiumhersteller, deren Marktanteil deutlich gesunken ist. Im Jahr 2008 konnte BMW noch einen Anteil am Markt von 8,2 Prozent verzeichnen, im ersten Halbjahr 2009 sank er auf 5,8 Prozent. Mercedes und Audi traf es mit einem Rückgang um 2,5 beziehungsweise zwei Prozentpunkte ähnlich hart. Insgesamt wurden im Juli 2009 30 Prozent mehr Neuwagen gekauft als im Vorjahresmonat.

„Es sind nur die Kleinwagenhersteller, insbesondere die Importeure, die die ganz großen Punkte machen“, sagt Ferdinand Dudenhöffer. Vor Einführung der Abwrackprämie hätte noch nie ein Importeur einen Marktanteil von über fünf Prozent erzielen können, so wie Fiat jetzt. In seiner aktuellen Preisstudie hat der Direktor des Car-Instituts an der Universität Duisburg-Essen 348 Rabattaktionen ausgemacht. Das ist der höchste jemals gemessene Wert. In den Aktionen enthalten sind Sondermodelle und -zinsen, Barrabatte sowie Eintauschprämien der Hersteller. Viele Händler bieten ihren Kunden darüber hinaus weitere Vergünstigungen an.

Momentaner Spitzenreiter ist der Nissan Micra mit einem Nachlass von insgesamt 58 Prozent auf den Listenpreis, Abwrackprämie inklusive. Statt 11220 Euro müssen Käufer nur noch 4700 Euro auf den Verkaufstresen legen. Der Citroën C1 kann für 119 Euro im Monat geleast werden – ohne Anzahlung, ohne Zinsen. Das macht einen Preisvorteil von 4818 Euro im Vergleich zum Listenpreis. Aber auch Audi bietet für seinen A3 immerhin einen Rabatt von 22 Prozent. Nie war es so günstig, ein Auto zu kaufen.

Altautobesitzern, die für die staatliche Umweltprämie infrage kommen, rät der Experte, den Antrag beim zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) möglichst schnell zu stellen. Die Fördermittel reichen noch für 262 676 Anträge, in wenigen Wochen dürften die Mittel jedoch aufgebraucht sein (siehe Grafik). „Ich gehe davon aus, dass es noch einmal eine Endrallye geben wird. Die Autobauer weisen jetzt verstärkt darauf hin, dass der Topf bald leer ist“, sagt Dudenhöffer.

Um die staatliche Prämie zu erhalten, müssen verschiedene Auflagen erfüllt sein: Das alte Auto muss neun Jahre alt und mindestens zwölf Monate auf den letzten Besitzer zugelassen gewesen sein. Der Altwagen darf nur bei staatlich anerkannten Abwrackern verschrottet werden, eine Liste findet sich im Internet. Und der Neuwagen muss die Schadstoffnorm Euro-4 erfüllen. Die Reservierungsfrist endet am 31. Dezember 2009, spätestens bis zum 30. Juni 2010 muss der Neuwagen zugelassen sein.

Auch für 2010 und 2011, wenn die Abwrackprämie längst ausgelaufen ist, prophezeit Dudenhöffer ähnliche Preiskämpfe. „Wenn Sie dem Kunden heute einen Rabatt von 50 Prozent einräumen, wie wollen Sie dem erzählen, dass er im nächsten Jahr nur noch fünf Prozent bekommt?“ Diejenigen, die kein altes Fahrzeug zu verschrotten haben, können sich mit dem Neuwagenkauf also noch etwas Zeit lassen. Die Pkw-Preise seien im Tiefflug, die Händler würden nach dem Wegfall der staatlichen Zulage die Prämie von sich aus draufsatteln. Wichtig sei in jedem Fall, immer zu verhandeln, empfiehlt Dudenhöffer.

Was dem Verbraucher zugutekommt, hat jedoch fatale Folgen für den Automobilhandel. „Nächstes Jahr wird ein Viertel der Händler in die Insolvenz getrieben werden“, sagt Dudenhöffer. Nach geschätzten 3,7 Millionen Zulassungen in diesem Jahr werde es 2010 gut eine Million weniger registrierte Neufahrzeuge geben. Einer Studie zufolge resultieren bis zu 70 Prozent der gegenwärtigen Neuwagenkäufe aus Mitnahme- und Vorzieheffekten. Demzufolge dürfte der Markt im kommenden Jahr wegbrechen – bei bestehenden Rabatten. Die Händler verdienen schlicht kein Geld mehr.

Auf schwierige Zeiten nach Auslaufen der Abwrackprämie hat sich auch der Peugeot-Händler in Neukölln eingestellt. „Damit die Nachfrage nicht zurückgeht, müssen wir mehr Arbeit in die Kundenakquise investieren“, sagt Arne Hoth. Kia-Verkaufsberater Ümit Ufak überlegt derweil, ob er seinen Urlaub verschieben soll – auf die Zeit, wenn weniger zu tun ist. Optimistisch in die Zukunft blickt Ufak dennoch: Schließlich würden immer Autos gebraucht.

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