Alterssicherung : Rente - eine Frage der Generationengerechtigkeit

Die Renten werden erhöht. Das belastet zukünftige Generationen. Doch die Steigerung der Einkünfte reicht wohl kaum um die Inflation auszugleichen. Die Verlierer der Zukunft sind ledige Männer. Ihre Fragen zur Alterssicherung können Sie mit der Kommentarfunktion (unter diesem Artikel) stellen. Wir leiten sie dann an die Deutsche Rentenversicherung weiter.

Heike Jahberg/Rainer Woratschka

Philipp Mißfelder sagt es klar heraus: Wer glaube, mit der gesetzlichen Rente ordentlich Rendite machen zu können, liege grundfalsch. "Die Rentenversicherung ist im Grunde eine Solidareinrichtung und dient nicht der Gewinnerzielung", meint der CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Jungen Union.

Mißfelder ist 28, und das Thema Rente treibt ihn ebenso um wie das der Generationengerechtigkeit. Wie fair ist es, dass die so genannte Sandwich-Generation einerseits mit ihren Beiträgen die höheren Bezüge der jetzigen Rentnergeneration bezahlen muss und andererseits auch noch privat Geld zurücklegen muss, weil sie weiß, dass für sie immer weniger übrig bleibt? Die Rentenversicherung bekomme spätestens dann ein Legitimationsproblem, warnt auch der CDU-Abgeordnete Jens Spahn, wenn diejenigen, die in ihrem Leben keine Beiträge bezahlt haben, im Alter via Grundsicherung auf das gleiche Niveau kommen wie langjährig Versicherte.

Zwar versprechen die jährlich verschickten Renteninformationen den Versicherten immer noch Steigerungen von einem bis zwei Prozent. Doch kaufkraftbereinigt sehen die Erwartungen ganz anders aus. So hat das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn vor einem Jahr berechnet, dass Männern, die nach 1960 geboren wurden, in der gesetzlichen Rentenversicherung reale Verluste drohen. Bei den heute 28-Jährigen betrügen diese Einbußen bis zu 0,3 Prozent.

Daran hätten auch die Ereignisse des vergangenen Jahres wenig geändert, sagt Adrian Ottnad, der Verfasser der Studie. Die günstigere Konjunkturentwicklung wirke sich auf lange Sicht kaum aus. Außerdem würden Rentenerhöhungen durch die Preissteigerungen für Lebensmittel und Energie gleich wieder relativiert. Und die Außerkraftsetzung der Rentenformel, mit der man den Rentnern in diesem Jahr eine außerplanmäßige Rentenerhöhung beschere, verschlechtere die Prognosen noch weiter. "Der Absturz für die heute 40-Jährigen ist dann umso drastischer", warnt der Experte.

Zu den Verlierern gehören ledige Männer. Das hängt mit der Lebenserwartung zusammen, die für Frauen deutlich höher ist und folglich auch längeren Rentenbezug bedeutet. Auf der Strecke bleiben auch die mittleren Jahrgänge, meint Ottnad. Dagegen machen die heutigen Rentnern und die rentennahen Jahrgänge bezogen auf ihre Beiträge noch einen ordentlichen Schnitt.

Doch von der jetzt anstehenden Rentenerhöhung kommt auch bei den Rentnern weniger an als viele erwarten. Steuern und Sozialabgaben zehren einen Großteil der Erhöhung auf. Zum 1. Juli steigen die Renten um 1,1 Prozent. Bei einer Bruttorente von 1000 Euro im Monat wären das 11,04 Euro mehr. Davon müssen die Senioren jedoch noch Kranken- und Pflegeversicherung zahlen. Netto bleiben von den 1011,04 Euro dann nur noch 908,93 Euro übrig, hat die Deutsche Rentenversicherung ausgerechnet. Doch dann schlägt auch noch das Finanzamt zu. "Das Geld aus der Rentenerhöhung ist voll steuerpflichtig", warnt Wolfgang Wawro, Präsident des Steuerberaterverbandes Berlin-Brandenburg. Wie viel das im einzelnen ist, richtet sich nach dem persönlichen Steuersatz. Millionen aus der Rentenerhöhung wandern so in die Taschen des Fiskus. Uwe Rauhöft, Geschäftsführer des Neuen Verbandes der Lohnsteuerhilfevereine, schätzt die Mehreinnahmen für Bund, Länder und Gemeinden auf 130 Millionen in diesem und 240 Millionen Euro im nächsten Jahr.

Walter Hirrlinger, Präsident des Sozialverbands VdK, reicht die Rentenerhöhung daher nicht. "Bei einer Inflation von drei Prozent wird das Rentenplus komplett aufgefressen", sagte Hirrlinger dem Tagesspiegel am Sonntag. Angesichts der rasant steigenden Kosten für Energie und Lebensmittel müsse die Rentenformel neu gefasst werden, fordert Hirrlinger. "Die Renten müssen mindestens in Höhe der Inflationsrate erhöht werden", meint der VdK-Chef.

Wissenschaftler Ottnad verlangt zumindest mehr Transparenz von der Rentenversicherung. Die Prognosen in den Renteninformationen, die den Versicherten regelmäßig ins Haus geschickt werden, sollten nach Meinung Ottnads kaufkraftbereinigt sein und eigentlich auch noch den dann fälligen Steuerabzug mitberücksichtigen.

Bei der Deutschen Rentenversicherung findet man die Kritik ungerecht. Zwar habe man die Rendite-Prognosen von ursprünglich 3,5 Prozent für den besseren und 2,5 Prozent für den schlechteren Fall tatsächlich auf zwei beziehungsweise ein Prozent herunterkorrigieren müssen und rechne inzwischen sogar auch mit einer Nullvariante, sagt Sprecher Dirk von der Heide. Allerdings orientiere man sich dabei stets und strikt an den Konjunkturprognosen der Bundesregierung. Auf den Kaufkraftverlust weise man die Versicherten hin und gebe ein Rechenbeispiel. "Würde man aber alle Varianten mit dem erwarteten Inflationswert durchrechnen, würde das die Leute eher verwirren", meint der Sprecher. Rentenexperten, die häufig privaten Versicherern nahestünden, forderten da etwas, was ihre Firmen selber nicht leisteten. "Die Standmitteilung einer Lebensversicherung enthält üblicherweise überhaupt keinen Hinweis auf die Inflation", kritisiert von der Heide.

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