Verbraucher : Auf der Schwelle

Die Börsen vieler Entwicklungsländer drohen heißzulaufen. Wo Experten noch Chancen sehen

Stefan Kaiser

Wer in den vergangen fünf Jahren auf Aktien oder Aktienfonds aus Schwellenländern gesetzt hat, konnte eigentlich nicht viel falsch machen. Während sich zum Beispiel der Dax erst langsam wieder auf seine Höchststände aus dem Jahr 2001 zubewegt, hat der Schwellenländer-Index MSCI Emerging Markets seinen Wert in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt. Als Schwellenländer gelten Staaten, die auf dem Sprung vom Entwicklungsland oder von der sozialistischen Staatswirtschaft zur entwickelten Marktwirtschaft sind und deren Wirtschaft stark wächst. Dazu zählen Regionen in Asien, Lateinamerika und Osteuropa.

Auch im laufenden Jahr schien der Emerging-Markets-Index alle Börsenbarometer der Industrieländer zunächst locker zu schlagen: Bis Ende Februar schoss er bereits um mehr als acht Prozent nach oben. Doch seitdem ist der Aufschwung ins Stocken geraten. Anfang März brach der MSCI-Index um mehr als drei Prozent ein, in der vorvergangenen Woche zogen die Anleger erstmals in diesem Jahr mehr Geld aus Emerging-Market-Fonds ab als sie investierten. „Es wird nicht immer so weitergehen wie in den vergangenen Jahren“, warnt Karsten Stroh, Leiter des Aktiengeschäfts bei JP Morgan Asset Management in Frankfurt. „Das ist keine Einbahnstraße.“ Der Aktienstratege rät bei Investitionen in Schwellenländern momentan zur Vorsicht.

Vor allem die weltweit steigenden Zinsen machen die Anleger nervös. Die amerikanische Notenbank hat ihren Leitzins am Dienstag zum 15. Mal in Folge erhöht und weitere Steigerungen in Aussicht gestellt. Auch die europäische und die japanische Zentralbank haben damit begonnen, ihre Zinssätze wieder langsam nach oben zu schrauben. „Wenn die Zinsen stark ansteigen, belastet das die Schwellenländer meist überproportional“, sagt Jörg Peisert, der sich als Vermögensverwalter auf Emerging Markets spezialisiert hat. „Die Unternehmensergebnisse könnten sich dann deutlich verschlechtern.“ Doch nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Unsicherheiten lasten auf den Börsen vieler Schwellenländer. Die Entwicklung etwa in China sei nur schwer absehbar, warnt Karsten Stroh.

Trotz der Risiken und hoher Kurssteigerungen in den vergangen Jahren sehen die Experten aber noch Chancen für die Börsen der Schwellenländer. „Insgesamt sind die Emerging Markets nicht teuer bewertet“, sagt Stroh. Die Unternehmensgewinne seien in vielen Ländern mit den Kursen gestiegen. „Die Schwellenländer bleiben attraktiv“, meint auch Oliver Stönner-Venkatarama, Emerging-Markets-Experte bei der Commerzbank, „aber man muss genauer hinschauen“. Auf vielen Märkten werde „die Luft schon dünner“.

Am skeptischsten sind die Experten derzeit für Lateinamerika gestimmt. Die meisten der dortigen Börsen sind in den vergangen Jahren sehr gut gelaufen und könnten nun eine Verschnaufpause benötigen. Doch auch hier gibt es noch interessante Kandidaten, vor allem Brasilien steht wegen seines Rohstoffreichtums bei vielen Fondsmanagern hoch im Kurs.

Die größten Chancen sehen viele Experten jedoch in Asien, vor allem an den Börsen der südostasiatischen Schwellenländer. „Länder wie Thailand oder Indonesien sind in der Vergangenheit noch nicht so gut gelaufen“, erklärt Jörg Peisert, „die haben noch Nachholpotenzial“. Auch sehr weit entwickelte Länder wie Südkorea, Taiwan oder Singapur stehen bei Fondsmanagern und Analysten ganz oben auf dem Zettel.

Marktzusammenbrüche wie bei der Asienkrise1997 sind heute eher unwahrscheinlich. Damals hatten europäische und japanische Banken hunderte Milliarden US-Dollar Kredite in die aufstrebenden Länder gepumpt und anschließend kurzfristig wieder abgezogen. „Die Auslandsverschuldung der Staaten hat sich seitdem deutlich verringert“, erklärt Karsten Stroh von JP Morgan. Sie hätten praktisch keine Leistungsbilanzdefizite mehr und seien deshalb nicht mehr so stark auf ausländisches Kapital angewiesen, wie zu Zeiten der Asienkrise.

Zur Vorsicht raten Experten dagegen bei Indien und China. Indien gilt wegen seiner hervorragend ausgebildeten Fachkräfte und den geringen Lohnkosten zwar langfristig immer noch als Aufsteiger, die Börse dort ist aber in den vergangenen Jahren so gut gelaufen, dass viele sie für überhitzt halten. In China hingegen können die Finanzmärkte mit dem volkswirtschaftlichen Wachstum noch nicht Schritt halten – zudem gilt der Markt als sehr undurchsichtig „Wir tun uns immer noch schwer, dort richtig gute Unternehmen zu finden“, sagt Stroh.

Beim Thema Russland gehen die Meinungen auseinander. Während einige Fondsmanager und Analysten die Börsen des Riesenreichs wegen der Kursrallye für überbewertet halten, ist Vermögensverwalter Jörg Peisert weiter optimistisch: „Viele Konzerne haben zum Beispiel gegenüber amerikanischen Unternehmen immer noch einen Abschlag von 40 Prozent“, sag Peisert. „Da kann man noch dabeibleiben.“ Gute Nerven braucht man für solche Investments allerdings schon. „Es wird immer mal wieder Phasen geben, in denen der Markt zehn oder 15 Prozent abgibt“, sagt Peisert.

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