Automobil : Stoßseufzer nach Kolbenfresser

Geht das Auto kaputt, fängt der Ärger oft erst an: In der Werkstatt. Wie man zu hohe Kosten vermeidet

Andreas Menn
Höher als gedacht. Die Fahrt zur Kfz-Werkstatt ist für viele Autofahrer kaum erfreulicher als ein Zahnarztbesuch. Als Kunde ist man den Profis aber nicht schutzlos ausgeliefert. Verträge sollte man schriftlich fixieren, Mängel sofort reklamieren. Foto: Imago
Höher als gedacht. Die Fahrt zur Kfz-Werkstatt ist für viele Autofahrer kaum erfreulicher als ein Zahnarztbesuch. Als Kunde ist...Foto: IMAGO

Der Motor hinüber, der Reifen geplatzt, die Scheibe zersprungen – irgendwann muss jeder Autofahrer in den sauren Apfel beißen und seinen rollenden Untersatz zur Werkstatt bringen. Bei vielen Reparaturen sind heutzutage wegen der vielen Elektronik im Fahrzeug selbst erfahrene Garagenbastler auf die Hilfe von Kfz-Experten angewiesen. Aber welcher Werkstatt kann man wirklich vertrauen? Muss es die Vertragswerkstatt des Herstellers sein? Und wie erkenne ich zu teure Preise? Ein kleiner Ratgeber für den Schadensfall.

DIE GARANTIE DER HERSTELLER

Eineinhalb Jahre lang ist der Wagen fehlerfrei gefahren, dann plötzlich streikt der Motor und springt einfach nicht mehr an: ein typischer Garantiefall, für dessen Reparatur der Hersteller aufkommen muss. Doch aufgepasst: Um die Reparaturkosten erstattet zu bekommen, müssen Sie eine Vertragswerkstatt aufsuchen. Repariert der freie Betrieb um die Ecke, verfällt der Garantieanspruch, und Sie bleiben auf den Kosten sitzen.

Für die Hersteller ist die Regelung natürlich auch ein Instrument zur Kundenbindung. Was viele nicht wissen: Unfallreparaturen, Wartungen und Inspektionen können auch bei einem freien Betrieb oder einer Werkstattkette durchgeführt werden, ohne dass die Herstellergarantie für den Wagen verfällt. Der Ölwechsel beispielsweise kann jetzt in jeder beliebigen Werkstatt vorgenommen werden. Auch Ersatzteile müssen nicht das gleiche Logo wie der Wagen selbst tragen. Hintergrund ist eine Verordnung der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2002, die im Juni noch einmal überarbeitet worden ist. Ziel der Brüsseler Behörde ist es, den Wettbewerb für Wartungsdienstleistungen steigern.

VERTRAGSWERKSTATT IM TEST BESSER

Grundsätzlich haben Autobesitzer die Wahl zwischen einer Vertragswerkstatt und einer freien Werkstatt. Auf der einen steht BMW oder Renault, auf der anderen ATU, Pit Stop oder Autofit. Im Test des ADAC aus dem vergangenen Jahr lagen die Vertragswerkstätten beim Ergebnis vorne: Mercedes, Volkswagen, Ford, Opel und Toyota erhielten gute bis zufriedenstellende Noten. Das hat seinen Grund: Die Mitarbeiter sind auf die Fahrzeuge des Herstellers geschult und mit passendem Spezialwerkzeug versorgt.

Freie Betriebe und Werkstattketten schafften dagegen im Test in der Mehrzahl nur ein Ausreichend. Häufig übersahen die Mechaniker Schäden am Fahrzeugunterboden oder einen geringen Flüssigkeitsstand im Kühlmittelbehälter - Mängel, die teure Folgen haben können. „Vor allem bei neuen und teuren Fahrzeugen oder seltenen Modellen spricht vieles dafür, die Vertragswerkstatt anzusteuern“, sagt ADAC-Fahrzeugtechnik-Experte Arnulf Thiemel. „Steht dagegen beim alten Golf ein schlichter Ölwechsel an oder eine Erneuerung der Bremsbeläge, dann kann man in der Regel auch bei freien Betrieben nichts falsch machen.“ Die neue Fassung der sogenannten Gruppenfreistellungsverordnung der EU, die am 1. Juni in Kraft getreten ist, könnte nun auch die Qualität der Dienstleistungen freier Betreibe verbessern. In der Verordnung werden Hersteller dazu verpflichtet, den freien Werkstätten deutlich mehr Produktinformationen zur Verfügung zu stellen als bisher. Damit erhalten die Betriebe technisches Wissen, das bisher nur den markeneigenen Reparateuren vorbehalten war.

Ein weiterer Tipp: Achten Sie in der Werkstatt auf ein rundes Schild mit dem Schriftzug „Kraftfahrzeugs-Gewerbe“. Das bedeutet, dass dieser Betrieb Mitglied einer Kfz-Innung ist. Der Vorteil: Bei Problemen können Sie Hilfe bei der Schiedsstelle der zuständigen Innung einholen.

VIEL GELD SPAREN BEI DEN FREIEN

Vertragswerkstätten schneiden in Tests meist besser ab, dafür sind sie aber auch teurer: Bis zu 50 Prozent mehr kosten laut ADAC Arbeiten oder Ersatzteile, wenn sie beim Markenbetrieb bezahlt werden. Kein Wunder, dass die Vertragswerkstätten in den letzten Jahren ein Imageproblem bekommen haben. Nur 18 Prozent der Autofahrer schätzen das Preis-Leistungs-Verhältnis in Vertragswerkstätten besser ein als bei der freien Konkurrenz. Das ergab im Frühjahr eine Umfrage der Nürnberger Marktforschung Puls.

Wer gute Erfahrungen mit einer freien Werkstatt gemacht hat, kann dort also langfristig viel Geld sparen. „Vergleichen Sie die Angebote mehrerer Betriebe“, rät ADAC-Fachmann Thiemel. Einen Haken hat das Ganze: Viele Hersteller zeigen sich auch über die Garantiezeit hinaus kulant, wenn Reparaturen nötig werden, und übernehmen beispielsweise die Hälfte der Arbeitskosten. Die Kulanz ist aber oft an die Bedingung geknüpft, dass alle Inspektionen, Wartungen und Reparaturen bei Vertragswerkstätten durchgeführt worden sind. Das sollten Autobesitzer berücksichtigen, bevor sie sich für einen neuen Anbieter entscheiden.

VERTRÄGE NUR SCHRIFTLICH

Den Handschlag in Ehren – bei Auto-Reparaturen geht es schnell um Kosten von vielen hundert Euro, darum sollten Sie alle Vereinbarungen schriftlich festhalten. Und zwar möglichst präzise. Das fängt an beim Kennzeichen des Fahrzeugs, der Fahrgestellnummer und dem Kilometerstand. Es folgt eine Auflistung aller Arbeiten im Detail und eine Aufstellung der entsprechenden Kosten, inklusive einem Kostenvoranschlag oder einer Obergrenze, die nicht überschritten werden darf. Garantien und Kostenbeteiligungen seitens des Herstellers sollten notiert werden, außerdem die Zahlungsweise, damit der Kunde nicht am Ende nur mit einem Haufen Bargeld, sondern auch mit Karte zahlen kann. Schließlich sollte ein verbindlicher Fertigstellungstermin vereinbart werden – wird dieser um mehr als 24 Stunden überschritten, muss der Anbieter entweder ein kostenloses Ersatzauto bereitstellen oder 80 Prozent etwaiger angefallener Mietwagenkosten übernehmen. Alle diese Angaben sollten Sie schwarz auf weiß in einer Auftragsbestätigung mit auf den Heimweg nehmen, die später als Nachweis dienen kann.

CHECKLISTE BEIM ABHOLEN

Die Reparatur ist erledigt, der Wagen steht abholbereit: Ein Grund zur Freude. Doch bevor Sie losbrausen, sollten Sie noch ein paar Dinge überprüfen. Schauen Sie sich zunächst das Fahrzeug an: Gibt es Dellen oder Kratzer, die vor der Reparatur noch nicht da waren? Wenn ja, muss die Werkstatt sie schriftlich bestätigen und entfernen. Überprüfen Sie die einzelnen Positionen der Rechnung. Für viele Arbeiten machen Hersteller ihren Vertragswerkstätten Zeitvorgaben. Werden diese überschritten, sollte der Betrieb das begründen können. Unterschreiben Sie die Rechnung mit dem Vermerk „Zahlung unter Vorbehalt“. Sollten Sie später Reparaturmängel entdecken, werden Sie einfacher reklamieren können. Übrigens: Vergesslichkeit kann teuer werden. Versäumen Sie, das Fahrzeug innerhalb einer Woche nach Fertigstellung der Reparatur abzuholen, dann darf die Werkstatt eine Aufbewahrungsgebühr von bis zu 7,50 Euro täglich berechnen.

SPIELRAUM NACH DEM VORANSCHLAG

Viele Autofahrer haben es schon einmal erlebt: Die Rechnung, die nach einer Reparatur herauskommt, ist deutlich teurer als vorher veranschlagt. Das kann leicht passieren, wenn der Schaden größer ist als gedacht. Zusätzliche Reparaturen muss die Werkstatt allerdings mit dem Kunden absprechen. Liegt ein schriftlicher Kostenvoranschlag vor, dann darf die Werkstatt diesen nicht mehr als 15 Prozent überschreiten, ohne den Kunden vorher darüber zu informieren. Bei einer Rechnung, die über diesem Limit liegt, kann der Kunde den Vertrag in der Regel kündigen. Bezahlt werden dann nur die Arbeiten, die im Auftrag enthalten sind.

DIE REKLAMATION

Sind Sie unzufrieden mit der Reparatur, weil Arbeiten nur teilweise und nicht zufriedenstellend durchgeführt worden sind, dann reklamieren Sie. Und zwar schriftlich. Entsprechende Mustertexte bietet der ADAC. Mindestens zwei Mal müssen Sie der Werkstatt erlauben, die Mängel zu beheben. Fahren Sie stattdessen direkt zu einem anderen Anbieter, dann verlieren Sie ihren möglichen Anspruch auf eine Kostenerstattung. Weigert sich die Werkstatt, Beanstandungen zu akzeptieren, dann können Sie eine Kfz-Schiedsstelle anrufen (Listen unter www.kfz-schiedsstellen.de).

Für den Kunden ist deren Leistung kostenlos. Der Spruch der Schiedsstelle ist für die Werkstatt zugleich bindend. Der Kunde kann überdies immer noch einen Anwalt einschalten, wenn die Schiedsstelle nicht zu seinen Gunsten geurteilt hat.

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