Bio-Boom : Volle Wagen und ein gutes Gewissen

Bioprodukte kosten bis zu 30 Prozent mehr als herkömmliche Ware. Trotzdem greifen die Kunden weiter kräftig zu. Anbieter und Experten fragen sich jetzt, wie die wachsende Nachfrage auch in Zukunft gedeckt werden kann.

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Grün ist Trumpf. Dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft zufolge betrug der Umsatz im deutschen Bio-Markt im Jahr 2009 5,8 Milliarden Euro. Foto: picture-alliance/dpa
Grün ist Trumpf. Dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft zufolge betrug der Umsatz im deutschen Bio-Markt im Jahr 2009...Foto: picture-alliance/ dpa

Wenn Gammelfleisch, Analogkäse oder Gift in Ei und Fleisch die Schlagzeilen bestimmen, gehen viele Verbraucher auf Nummer sicher und kaufen Bioprodukte. „Der Dioxinskandal hat der Biobranche einen kräftigen Schub gegeben“, berichtet Gerald Wehde, der Sprecher von Bioland, Deutschlands größtem Ökoanbauverband. Im Zuge der Wirtschaftskrise sparten die Verbraucher vor allem bei Lebensmitteln und somit auch bei ökologisch produzierten Produkten. Laut Bioland stagnierte der Umsatz im Jahr 2009 und ist seit vergangenem Jahr wieder auf steigendem Kurs.

Insgesamt habe sich der Umsatzzuwachs von 2005 bis 2010 knapp verdoppelt. Wehde weist darauf hin, dass es im Lebensmitteleinzelhandel zwischen einer Biomilch und einer konventionellen Marke im Premiumsegment preislich kaum einen Unterschied gibt. Bei Discountern seien die Bioprodukte etwa zwischen 20 und 30 Prozent teurer als konventionelle Ware. Durch einen Umsatzzuwachs und einen höheren Abverkauf seien die Preise für Bioprodukte 2010 leicht gesunken.

Nach einer Studie des Informationsunternehmens Nielsen setzte der Handel im ersten Quartal des vergangenen Jahres 470 Millionen Euro mit Biowaren um. Die Verbraucher greifen weiterhin vor allem im Lebensmitteleinzelhandel zur „grünen Ware“. Besonders starke Wachstumsraten verbuchen dabei die Supermärkte mit einem Absatzplus von zehn Prozent. Klassische Biowarengruppen wie Müsli, Haferflocken, Rohrzucker und Getreide konnten weiter zulegen. Einen deutlichen Aufwärtstrend verzeichnen darüber hinaus Wein, Sekt und Bratenaufschnitt. Höhere Preise werden eher akzeptiert, wenn die Produkte mit den Qualitätsaspekten wie Geschmack, Genuss und ökologischer Herstellung verbunden werden, beispielsweise bei Milch, Joghurt, Käse, Kaffee und Teigwaren. Obst, Gemüse, Eier, Milchprodukte sowie Brot und Backwaren gehören seit Jahren zu den beliebten Klassikern im Biosortiment.

Im Fachgebiet Agrar- und Lebensmittelmarketing der Universität Kassel wurden Zahlungsbereitschaft und Kaufverhalten bei Ökolebensmitteln untersucht. Der Analyse zufolge wird der Preis als Kaufbarriere von Bioprodukten überschätzt. Etwa zwei Drittel von ihnen wurden gekauft, obwohl sie im Geschäft durchschnittlich 21 Prozent teurer waren, als die Kunden ursprünglich zu zahlen bereit gewesen waren. „Kunden sind bei vielen Bioprodukten bereit, höhere Preise zu zahlen, als bisher angenommen wurde“, sagt Sabine Plaßmann von der Uni Kassel. Dies gelte besonders, wenn zusätzliche tierhaltungs-, umwelt- und sozialpolitische Vorzüge von Bioprodukten herausgestellt werden. Der Umsatz mit Bioprodukten wird überwiegend von Stammkäufern generiert. Sie machen zwar nur 22 Prozent der Biokäufer aus, konsumieren aber 77 Prozent der im Lebensmitteleinzelhandel gekauften Bioprodukte.

Dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft zufolge betrug der Umsatz im deutschen Bio-Markt im Jahr 2009 5,8 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2010 ermittelte der Bundesverband Naturkost Naturwaren im Naturkostfachhandel bereits eine Steigerung von knapp zehn Prozent. Nach Einschätzung der Statistiker sind die Biobauern auf dem Weg aus der Nische. Die Ökoanbaufläche stieg 2009 um rund 40 000 auf 947 000 Hektar. Das sind knapp sechs Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland. Die Zahl der landwirtschaftlichen Biobetriebe hat sich im gleichen Jahr auf 21 047 erhöht, das sind knapp sechs Prozent aller Landwirte. Allerdings können die Biobauern die Nachfrage immer weniger decken. Die Anbauflächen sind zu gering, um die heimischen Produkte in ausreichenden Mengen zu produzieren. „In 30 Jahren könnte man 100 Prozent Ökolandwirtschaft haben, wenn man wollte“, sagt Bioland-Sprecher Gerald Wehde. Volkswirtschaftlich komme das unter dem Strich viel billiger, auch wenn Bioprodukte selbst voraussichtlich teurer blieben als herkömmliche Lebensmittel.

Doch für den Deutschen Bauernverband ist die Ökowende nicht das Modell der Zukunft. „Erst mal muss der Verbraucher die Produkte, die ja teuer sind, nachfragen,“ sagt Sprecher Michael Lohse. Einen Schutz vor Skandalen böten nur verstärkte Kontrollen und strengere Strafen.

Gerald Wehde geht dagegen von einer steigenden Nachfrage nach Bioprodukten aus. „Die Branche profitiert von dem Megatrend Gesundheit, die Menschen werden immer älter und achten mehr auf gesunde Ernährung“, sagt der Bioland-Sprecher. Nicht nur der Dioxinskandal, auch die jüngsten Katastrophen in Japan würden dem Thema Nachhaltigkeit mehr Ernsthaftigkeit verleihen. Das Interesse an Naturschutz, einer artgerechten Tierhaltung und einer ökologischen Landwirtschaft werde weiter steigen.

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