Datenmissbrauch : Gefangen im Netz

Politiker und Verbraucherschützer versuchen, Datenmissbrauch im Internet einzudämmen. Am besten schützt man sich selbst.

David C. Lerch
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Illustration: Simone Kitzinger

Das Internet weiß mehr über die Nutzer, als man sich eingestehen will. Der Mailanbieter kennt Namen und Anschrift. In sozialen Netzwerken wie Facebook und Studi VZ offenbaren viele ihre Freunde und Hobbys. Unser virtuelles Einkaufsverhalten hinterlässt ebenso Spuren wie die allgegenwärtigen Suchanfragen an den US-Konzern Google. Auch vertrauliche Daten wie die Steuererklärung oder die Banküberweisung werden dem Internet inzwischen selbstverständlich anvertraut. Tendenz steigend.

Je mehr persönliche Daten wir zur Verfügung stellen und je häufiger deren Missbrauch wie bei der Deutschen Telekom, dem Finanzdienstleister AWD oder zuletzt bei SchülerVZ publik wird, desto mehr rückt der Schutz der Daten oder zumindest das Bewusstsein dafür in den Mittelpunkt.

Politiker und Verbraucherschützer haben das inzwischen erkannt. Im Sommer rief die Bundesregierung die Aktion „Watch your Web“ ins Leben, mit der man vor allem Jugendlichen einen verantwortungsvollen Umgang mit persönlichen Daten im Netz nahelegen will. In der vergangenen Woche brachte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP-Politikerin und designierte Justizministerin, ein Gütesiegel nach dem Vorbild der Stiftung Warentest ins Gespräch. Damit sollen Internetseiten gekennzeichnet werden, auf denen persönliche Daten sicher sind. Wir werden dabei insbesondere unser Augenmerk auf Aufklärung legen. Im Koalitionsvertrag verspricht die neue Regierung, dass sie für mehr Datenschutz im Netz sorgen will. „Wir werden deshalb prüfen, wie durch die Anpassung des Datenschutzrechts der Schutz personenbezogener Daten im Internet verbessert werden kann, erwarten dabei aber auch von jedem Einzelnen einen verantwortungsvollen Umgang mit seinen persönlichen Daten im Internet“, heißt es im Koalitionsvertrag.

Verbraucherschützer sehen vor allem im Vertragsabschluss ein Einfallstor für möglichen Datenmissbrauch und sind zuletzt durchaus wirkungsvoll gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von sozialen Netzwerken und von Google vorgegangen. Der Vorwurf: Die Internetfirmen lassen sich in den AGB weitreichende Rechte an den von ihren Kunden erstellten Inhalten zusichern, also etwa an privaten Fotos, die jemand in ein Netzwerk stellt. Zudem seien die AGB mehrfach geändert worden, ohne die Kunden ausreichend zu informieren.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) sah den Datenschutz verletzt und verschickte zuletzt Abmahnungen unter anderem an die Netzwerke Facebook, MySpace, Xing, wer-kennt- wen und lokalisten.de, die hierzulande auf zusammen 14 Millionen Benutzerkonten kommen. Die Unternehmen haben reagiert. Dem VZBV zufolge haben drei von ihnen die Änderungen bereits rückgängig gemacht und Unterlassungserklärungen unterschrieben, darunter das berufliche Netzwerk Xing. Mit den anderen, etwa dem in den USA ansässigen Unternehmen Facebook, werde noch verhandelt.

In einem gesonderten Verfahren befand das Landgericht Hamburg in erster Instanz mehrere Datenschutzklauseln von Google für unzulässig, auch hier wurde die überbordende Nutzung von persönlichen Verbraucherdaten moniert.

Trotz dieser Erfolge sind die Verbraucherschützer zurückhaltend, was den Schutz im weltweiten Datennetz angeht. „Unser Handlungsspielraum ist auf die Vertragsunterlagen begrenzt“, sagt Falk Lüke, zuständiger Referent beim VZBV, also auf die Vereinbarung zwischen einem Unternehmen und einem Nutzer, die meist in den AGB geregelt ist. Darüber hinaus ist jeder Internetnutzer vor allem selbst gefragt, sich mehr mit seinen Spuren im Netz zu beschäftigen. „Digitale Daten sind flüchtig, sie können blitzschnell kopiert werden, und sie sind kaum zu löschen“, sagte der Vorsitzende der Piratenpartei, Jens Seipenbusch, der Wochenzeitung „Die Zeit“. Und Daten sind wertvoll. Lüke zufolge ist gerade dieses Bewusstsein noch nicht sehr verbreitet. „Die meisten glauben, im Internet gibt es vieles gratis, doch das ist genauso wenig der Fall wie im richtigen Leben“, erklärt er. Der Unterschied sei ein anderer: Im Internet bezahle man nicht mit Geld, sondern mit persönlichen Daten.

Diese Währung zahlt sich für Unternehmen aus. Je persönlicher die Daten, umso besser. „Mit genauen Daten über die Nutzer können sie bessere Zielgruppen für die Werbung anbieten und dadurch mehr verdienen“, bekennt der Geschäftsführer eines sozialen Netzwerks in Deutschland, der anonym bleiben möchte. Branchenführer Facebook verspricht Werbetreibenden auf seiner Seite sogar explizit, die Verbindung zu „wirklichen Kunden mit wirklichem Interesse an Produkten“ herzustellen.

Abgesehen von Xing, das teilweise Beiträge von seinen Mitgliedern erhebt, leben alle Netzwerke ausschließlich von den Werbeeinnahmen. Das wird wohl auch so bleiben. Zuletzt war bei den Mitgliedern von Schüler VZ mit Kettenmails eine gegenteilige Nachricht verbreitet worden. Doch das wies ein Sprecher des Unternehmens zurück: „SchülerVZ ist und bleibt für alle Nutzer kostenfrei.“

Wie attraktiv genaue Daten sind, illustriert Falk Lüke am Beispiel einer Litfaßsäule. Ein Unternehmer, der früher dort seine Botschaft verbreitete, konnte kaum wissen, ob er damit die Familie beim Spaziergang oder den Alleinstehenden auf dem Weg in die Kneipe erwischt. Wüsste er es, könnte er den Kunden genauer in seiner Situation ansprechen. Auf Zielgruppen zugeschnittene Werbung ist auch in der wirklichen Welt selbstverständlich, doch der virtuelle Ableger bietet ganz andere Möglichkeiten. Das zeigt etwa der Online-Shop Amazon, wo neue Werke früher gekaufter Autoren unaufgefordert angeboten werden. „Behavioral Analytics“ nennen das Fachleute, also auf das Verhalten abgestimmtes Vorgehen. Viele schreckt das ab. Dafür spricht zumindest eine aktuelle Studie der US-Universität Berkeley, wonach zwei Drittel der Befragten keine Werbung wollen, die sich an ihren Interessen ausrichtet. Doch das ändert wohl wenig. „Es ist der Traum vieler Werber und das kommende Thema für den Datenschutz im Netz“, erklärt Lüke.

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