Verbraucher : Den Fiskus enterben

Wer eine Immobilie erbt, zahlt bisher kaum Steuern. Das wird sich schon bald ändern

heike Jahberg

Rechtsanwälte, die auf Erbrecht spezialisiert sind, und Notare haben derzeit Hochkonjunktur. Aus gutem Grund: Wer ein Grundstück, ein Haus oder eine Wohnung vererben oder verschenken will, sollte das nicht auf die lange Bank schieben. Denn manche Übertragung, die jetzt noch steuerfrei über die Bühne geht, wird bald teurer – vielleicht sogar schon in diesem Jahr.

Das Bundesverfassungsgericht. Wahrscheinlich im Herbst, vielleicht aber auch erst im Dezember wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob die bisherige steuerliche Privilegierung von Immobilien und Betrieben zulässig ist oder nicht. „Grundstücke werden derzeit nur mit 60 Prozent ihres Wertes angesetzt“, sagt die Berliner Rechtsanwältin Alexandra Gosemärker. Und auch Vermögensanlagen, die in ein Firmengewand gekleidet sind, sind unterbewertet. Das führt zu Ungerechtigkeiten: Wer Bargeld erbt, zahlt Steuern. Wer ein Haus gleichen Wertes übertragen bekommt oder ein Unternehmen, möglicherweise nicht. Fachleute erwarten, dass das Verfassungsgericht mit dieser Bevorzugung Schluss macht. Konsequenz: Das geltende Erbrecht wäre dann möglicherweise ab sofort nicht mehr anwendbar.

Immobilien. Zudem läuft Ende des Jahres das Bewertungsgesetz aus, das für die Bewertung von Immobilien im Steuerrecht maßgeblich ist. Unabhängig von dem Karlsruher Urteil muss sich die Politik daher noch in diesem Jahr mit den Bewertungsfragen auseinander setzen, wenn sie das Gesetz nicht – wie vor vier Jahren – einfach noch einmal verlängern will.

Betriebe. Aber auch aus anderen Gründen wartet die Politik auf einen Fingerzeig aus Karlsruhe. Mit wachsender Ungeduld. Denn die Regierung will noch in diesem Jahr die Weichen für eine Reform der Erbschaftssteuer stellen. So sollen die Erben eines Betriebes keine Erbschaftssteuer zahlen, wenn sie das Unternehmen zehn Jahre lang weiterführen und die Arbeitsplätze im Betrieb erhalten. Einen entsprechenden Referentenentwurf will das Bundesfinanzministerium möglichst noch vor der Sommerpause vorlegen.

Reiche Erben. Die SPD hat noch weiter gehende Vorstellungen. Die Sozialdemokraten möchten, dass die Erben großer Vermögen künftig mehr zahlen. Wer mehr als fünf Millionen erbt oder geschenkt bekommt, soll mit höheren Steuern belastet werden. Die bisherigen Freibeträge sollen jedoch bleiben, heißt es bei den Finanzpolitikern.

Hohe Freibeträge. Die Freibeträge umfassen derzeit: 307 000 Euro für den Ehegatten, 205 000 Euro pro Kind, 51 200 Euro für jeden Enkel, Urenkel und die Großeltern, 10 300 Euro für den geschiedenen Ehegatten, für Geschwister, Neffen, Nichten, Schwieger-/Stiefeltern und den Ehegatten des Kindes sowie 5200 Euro für den nicht ehelichen Lebenspartner, Verlobten, Großneffen und -nichten sowie alle übrigen Erben. Nach den Vorstellungen der SPD soll die stärkere Besteuerung von großen Vermögen bereits ab dem 1. Januar nächsten Jahres greifen.

Pflichtteil. Nicht nur der Bundesfinanzminister, auch seine Kollegin aus dem Justizministerium plant Reformen. Brigitte Zypries (SPD) will das Pflichtteilsrecht reformieren. Der Pflichtteil steht Kindern, Ehegatten, Geschwistern oder Eltern zu, die per Testament enterbt wurden, und beträgt derzeit die Hälfte des gesetzlichen Erbes. Die Ministerin will das Pflichtteilsrecht modernisieren, abschaffen kann sie es nicht. Das hat das Bundesverfassungsgericht im vergangenen Jahr entschieden.

Wer jetzt noch Steuervorteile nutzen will, sollte Folgendes tun.

IMMOBILIEN VERERBEN

Nutzen Sie jetzt noch die Unterbewertung von Immobilien und vererben oder verschenken Sie das Objekt. Wenn Sie weiter in dem Haus oder in der Wohnung bleiben wollen, können Sie sich ein lebenslanges Wohnrecht einräumen lassen. Möchten Sie weiterhin Miete kassieren, können Sie sich auch ein Nutzungsrecht (Nießbrauch) einräumen lassen. Wer eine Immobilie übertragt, muss zum Notar. Ein einfaches handgeschriebenes Testament (Unterschrift nicht vergessen), das normalerweise ausreicht, genügt beim Vererben oder Verschenken von Immobilien nicht.

MITTELBARE SCHENKUNG

Wer kein Haus zu vererben oder verschenken hat, kann dennoch von den steuerlichen Vorteilen profitieren. Denn sollten Sie Geld vererben oder verschenken, das für den Kauf einer ganz bestimmten Immobilie gedacht ist, gelten dieselben steuerlichen Regeln wie für die Übertragung von Immobilien.

BETRIEBSVERMÖGEN WEITERGEBEN

Für das Vererben großer Vermögen geeignet: Wer Privat- in Betriebsvermögen umwandelt, profitiert derzeit nicht nur von einem weiteren steuerlichen Freibetrag in Höhe von 225 000 Euro, sondern kann auch noch einen Abschlag von 35 Prozent auf darüber liegende Werte vornehmen. „Dieser Weg kommt für all die in Frage, die hohe Summen zu vererben haben und keine Erben mit einer günstigen Steuerklasse bedenken können“, sagt Erbrechtsexpertin Gosemärker. Nach den bisherigen Plänen zu einer Erbschaftssteuerreform könnte das Vererben von Betrieben aber künftig steuerlich noch günstiger werden.

FREIBETRÄGE NUTZEN

Ehegatten und Kinder haben hohe Freibeträge. Diese sollte man sich zunutze machen – und zwar mehrfach. Die Freibeträge kann man alle zehn Jahre in Anspruch nehmen. Wer frühzeitig mit der Verteilung seines Vermögens beginnt, kann seinen Angehörigen Ausgaben ersparen.

KETTENSCHENKUNG

Sinnvoll kann es auch sein, Zwischenschritte bei der Übertragung des Vermögens einzulegen, um die Freibeträge auszunutzen. Beispiel: Vererbt der Vater seiner Tochter 400 000 Euro, muss diese 18 150 Euro Steuern zahlen. Übertragt aber der Vater zunächst der Mutter die Hälfte und schenken/vererben dann beide der Tochter jeweils 200 000 Euro, bleibt das Kind steuerfrei.

Haben Sie noch Fragen? Dann rufen Sie die Expertinnen und Experten des Berliner Anwaltvereins bei unserer Telefonaktion am heutigen Montag an. Wie das funktioniert und wie Sie Ihre Fragen vorab per E-Mail stellen können, lesen Sie unten.

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