Verbraucher : Der Kassensturz lohnt sich

Tagesspiegel-Depotcheck: Kosten der Geldanlage werden unterschätzt und Verlierer zu lange gehalten

Henrik Mortsiefer

Viele Anleger haben das Risiko und die Kosten ihrer Geldanlagen nicht im Griff – und kaufen (oder verkaufen) zu ungünstigen Zeitpunkten. „Die meisten Portfolios sind außerdem zu statisch“, sagt Oliver Hagedorn, Vorstand der Berliner Vermögensverwaltungsfirma Avesco. „In acht von zehn Depots hat es in den vergangenen zwei Jahren keine Bewegung gegeben.“ Getreu dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ hielten Anleger an – oft falschen – Entscheidungen aus der Vergangenheit fest. Wer sich dennoch zu Umschichtungen entschließe, komme oft zu spät. Das gehe zu Lasten der Rendite.

Avesco hat Ende vergangenen Jahres in Kooperation mit dieser Zeitung knapp 250 Depots von Tagesspiegel-Lesern mit einem Gesamtvolumen von etwa 50 Millionen Euro unter die Lupe genommen. 174 Depots, in denen zusammen rund 36 Millionen Euro lagen, haben Hagedorn und sein Team inzwischen ausgewertet.

Die Teilnehmer zeigen sich bei der Verteilung ihrer Ersparnisse durchaus wagemutig: 98 Prozent hatten Aktien im Depot, gut 70 Prozent waren am Renten- und Geldmarkt engagiert, knapp die Hälfte hielt Anteile an Immobilienfonds. Das Depotvolumen (ohne direkter Immobilienbesitz) lag im Schnitt bei 206 000 Euro.

Im Vergleich zum Avesco-Depotcheck des Vorjahres fiel vor allem auf, dass sich der Anteil der Immobilienfonds am Durchschnittsdepot von sechs auf zwölf Prozent verdoppelte. „Berücksichtigt man neben den Fonds zusätzlich den direkten Immobilienbesitz ergibt sich eine gewisse Kopflastigkeit“, sagt Hagedorn. Dass dies riskant sein kann, zeigt das Beispiel der offenen Immobilienfonds, die rund um die Jahreswende in schwere Turbulenzen gerieten, nachdem die Deutsche Bank ihren Grundbesitz-Invest-Fonds geschlossen hatte. Hagedorn erklärt sich das große Interesse der Anleger an Immobilienfonds in den Jahren 2004 und 2005 auch mit den massiven Marketinganstrengungen der Anbieter. „Es wird häufig gekauft, was alle kaufen.“

Gestiegen ist auch der Anteil der Investmentfonds im Vergleich zu Einzeltiteln – vor allem für Kleinanleger ein sinnvoller Trend. Doch auch hier könnten Avesco zufolge noch ein paar Prozente mehr herausspringen, wenn Fehler vermieden würden. „Mehr und mehr Anleger trennen sich von Einzelrisiken – etwa Aktien und Anleihen“, sagt Oliver Hagedorn. „Leider wird dann beim Wechsel zu Fonds oder Zertifikaten nur aus der Produktpalette der Hausbank ausgewählt.“ Banken, die auch Fremdprodukte verkauften, neigten wiederum dazu, nur die großen, internationalen Kassenschlager anzubieten, etwa den European- Growth-Fonds der Fondsgesellschaft Fidelity, der schon ein Volumen von 22 Milliarden Euro habe. „Eine Beratung von einem produktunabhängigen Institut wäre vor der Investition in vielen Fällen sinnvoll“, sagt Hagedorn. „Aber die wenigsten Anleger wagen diesen Schritt.“

Als zentrales Defizit macht Avesco die mangelnde Risikowahrnehmung und -steuerung aus. Regelmäßig hätten Anleger einen Renditewunsch von neun Prozent pro Jahr geäußert, wobei sie den Maximalverlust dabei auf fünf Prozent begrenzen wollten. „Ein unmögliches Unterfangen“, sagt Hagedorn. Hier sei dringend Aufklärung über eine realistische Einschätzung des Verhältnisses von Rendite und Risiko nötig (siehe Kasten).

Auch die tatsächlichen Kosten ihrer Geldanlage schätzen viele Anleger häufig falsch ein. „Viele Depotinhaber nehmen eine Gesamtkostenbelastung von rund zwei Prozent pro Jahr für eine professionelle Vermögensverwaltung als teuer wahr und sind hier sehr sensibel“, sagt der Avesco-Chef. Rechne man allerdings nach, wie viel sie bislang für ihre Depotverwaltung bezahlen, zeige sich, dass die tatsächlichen Kosten deutlich über zwei Prozent, nämlich bei vier bis fünf Prozent, lägen. Bei einer Anlagesumme von 100 000 Euro kommen so bis zu 5000 Euro an Gebühren und sonstigen Kosten zusammen. „Viele wissen nicht einmal, dass sie beim Kauf eines Fonds in der Regel einen Ausgabeaufschlag bezahlen müssen“, berichtet Hagedorn.

Übersicht über Vermögensverwalter:

www.bafin. de

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