Verbraucher : Die Party geht weiter

Der Dax hat binnen zwölf Monaten 30 Prozent gewonnen – Experten glauben an weiter steigende Kurse

Henrik Mortsiefer

Es geht bergauf – seit Monaten. Der Dax hat in einem Jahr mehr als 1200 Punkte gewonnen. Ein Plus von 30 Prozent, das an das New-Economy-Jahr 1999 erinnert, als der Deutsche Aktienindex 40 Prozent zulegte. Was selbst Experten erstaunt: Anders als damals bewahren die Anleger heute die Fassung. Keine Spur von Euphorie, kein neues Aktienfieber, keine reißerischen Titelzeilen auf den Anlegermagazinen. Im Gegenteil. Die Skeptiker, die nach dem steilen Anstieg einen tiefen Fall fürchten, sind unüberhörbar. Beobachter halten dies für ein gutes Zeichen. „Es gibt noch genug warnende Stimmen am Markt“, sagt Gianni Hirschmüller vom Finanzmarktforschungsinstitut Cognitrend. „Die Anleger sind nicht zu gelassen. Das ist eine Stütze für den Dax.“ Immerhin: 60 Prozent der von Cognitrend befragten Finanzmarktteilnehmer erwarten aktuell weiter steigende Kurse.

Getrieben wurde der Markt in den vergangenen Monaten vor allem von großen, institutionellen Investoren aus dem Ausland. „Viele Privatanleger haben die Dax-Rallye hingegen verpasst“, sagt Christoph Niesel, Fondsmanager bei Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Doch Niesel glaubt, ebenso wie viele seiner Kollegen, dass es für einen Einstieg noch nicht zu spät ist – zumal für Anleger, die langfristig an der Börse aktiv bleiben wollen. „Deutsche Aktien sind unter Ertrags- und Bewertungsgesichtspunkten immer noch attraktiv“, sagt der Fondsmanager. „Es lohnt sich, marktbreit einzusteigen.“

Auch Thomas Körfgen, Leiter des Aktienfondsmanagements von SEB Asset Management, sieht mehr Chancen als Risiken: „Es ist viel Geld auf dem Markt, das keine Anlagealternativen hat.“ Weiterhin niedrige Zinsen, ein Rentenmarkt ohne Schwung und die glänzenden Geschäftszahlen der Unternehmen machten es Anlegern leicht, Aktien zu kaufen. Hinzu komme die Hoffnung, dass die deutsche Wirtschaft 2006 Fahrt aufnimmt und der Aufschwung bis ins kommende Jahr reicht – trotz Steuererhöhungen und einer Abkühlung der Weltwirtschaft.

Gianni Hirschmüller erklärt sich den stabilen Optimismus an der deutschen Börse auch mit dem Durchhaltewillen der zu spät Gekommenen: „Den Anlegern, die erst Ende 2005 eingestiegen sind, fehlt vorerst der Mut, ihre Gewinne zu realisieren. Das Risiko, zu früh auszusteigen und Gewinne zu verschenken, ist ihnen zu groß“, sagt der Marktforscher. „Das hält den Aufwärtstrend am Leben.“

Ein Blick auf die steile Dax-Kurve zeige allerdings, dass die 30 Werte im laufenden Jahr nicht mehr so stark zulegen dürften wie in den Vorjahren. „Wer jetzt noch Aktien kauft, muss für eine strikte Begrenzung möglicher Verluste sorgen“, sagt Hirschmüller. Und: Anleger sollten sich auf größere Kursschwankungen einstellen. So ist der so genannte V-Dax, der eine Aussage über die von den Marktteilnehmern erwartete Volatilität innerhalb von 45 Kalendertagen trifft, seit Ende 2005 kräftig gestiegen. Die Zeiten, in denen die Kurse nur eine Richtung kannten, sind also vorbei. „Die Schwankungsbreite wird zunehmen“, sagt Union-Fondsmanager Niesel.

Kursverluste bieten den Optimisten neue Chancen. „Wer jetzt über einen neuen oder erstmaligen Einstieg nachdenkt, würde bei einem Dax um 5300 Punkte eine gute Gelegenheit finden“, sagt Hirschmüller. Auf diesem Niveau stehe wieder ausreichend Nachfrage bereit, die die Kurse neu antreiben würde.

Wer Vollgas geben will und das Risiko nicht fürchtet, kann auch mit Hebelprodukten bei kleinem Kapitaleinsatz mehrfach verdienen. „Hebelzertifikate bringen hohe Gewinne, wenn die Wette aufgeht“, sagt Stephan Kühnlenz von der Stiftung Warentest. Hat ein Dax-Zertifikat etwa einen Hebel von fünf und steigt der Dax um zehn Prozent, kassiert der Anleger 50 Prozent. Das Produkt kann zusätzlich mit einer Knock-out-Bremse versehen werden. Dann wird das Papier automatisch wertlos, wenn zum Beispiel der Dax bis auf eine bestimmte Schwelle fällt. Doch Vorsicht: Wird in die falsche Richtung spekuliert, ist der Einsatz komplett verloren. Anleger brauchen außerdem von ihrer Bank die Erlaubnis zu Termingeschäften. „Hebelprodukte sollten in kleineren Depots nur in homöopathischer Dosierung vorkommen“, sagt Stephan Kühnlenz. „Maximal zwei bis drei Prozent des Depotwertes sollten pro Jahr eingesetzt werden.“

Anleger, die dem Dax in Gänze nicht mehr viel zutrauen, aber noch Chancen bei Einzelwerten sehen, empfiehlt Fondsmanager Niesel unter anderem Versicherungsaktien. „Sie profitieren vom Bedarf nach Altersvorsorgeprodukten und steigenden Zinsen.“ Auch Konsumaktien stehen wieder hoch im Kurs. „Die Auswirkungen der Fußball-WM auf die Binnennachfrage werden unterschätzt“, glaubt Thomas Körfgen von SEB. Wie im Sport gilt allerdings auch an der Börse: Eine Gewinngarantie gibt es nicht.

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