Verbraucher : Die Zwei-Kassen-Gesellschaft

Die Gesundheitsreform beschert den privaten Kassen einen neuen Billigtarif. Die Branche läuft Sturm

Heike Jahberg

Die privaten Kassen sehen sich und ihre Mitglieder als Verlierer der Gesundheitsreform. Der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) sagt kräftige Beitragserhöhungen voraus. Der Versicherungsschutz werde durch die Reform für Menschen, die bereits heute privat versichert sind, um zehn Prozent teurer, Neukunden müssten sogar zwölf Prozent höhere Versicherungsprämien zahlen, meint der PKV-Verband. Sobald das Gesetz im Bundesgesetzblatt steht, will man klagen – notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht. Das Bundesgesundheitsministerium hält das für Stimmungsmache. „Die Privaten wollen nur ihre eigene Unzulänglichkeit kaschieren“, heißt es im Ministerium.

BASISTARIF

Die privaten Versicherer wehren sich vor allem gegen sogenannten Basistarif, den sie ab dem 1. Januar 2009 jedem anbieten müssen, der die Voraussetzungen für eine private Krankenversicherung erfüllt (Jahresbruttoeinkommen 47 700 Euro).

Der Basistarif entspricht im Wesentlichen den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), zu Bedingungen, die der GKV ebenfalls ähnlich sind. Zwar werden auch beim Basistarif individuelle Prämien errechnet, die sich nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand des Versicherten richten, doch mehr als 500 Euro im Monat dürfen die privaten Kassen nicht nehmen. Der Höchstbeitrag soll per Gesetz gedeckelt werden. Kann der Kunde nicht zahlen, wird die Prämie halbiert. Beispiel: Der Versicherte müsste eigentlich 450 Euro überweisen, ist dazu jedoch nicht in der Lage. Die Prämie wird dann auf 225 Euro gesenkt. Auf Kosten der anderen privat Versicherten, kritisiert die PKV. Schafft der Versicherte auch das nicht, springen Arbeitsagenturen oder Sozialämter ein.

KASSENWECHSEL

Privat Versicherte können ihre Kasse derzeit praktisch nicht wechseln. Der Grund: Von jeder Monatsprämie fließt ein Teil in die sogenannte Alterungsrückstellung, mit der Beitragserhöhungen im Alter abgefedert werden. Diese Rückstellungen dürfen Versicherte bei einem Wechsel nicht mitnehmen. Dadurch werden, gerade bei älteren Kunden, die Versicherungsprämien bei einem neuen Anbieter unbezahlbar hoch.

Das soll sich jetzt ändern, zumindest ein bisschen: Vom 1. Januar 2009 bis zum 30. Juni dieses Jahres sollen privat Versicherte per Gesetz das Recht bekommen, zu einem anderen privaten Anbieter zu gehen. Dabei sollen sie einen Teil ihrer Alterungsrückstellungen mitnehmen dürfen. Für die Berechnung wird der neue Basistarif zugrunde gelegt. Die Kunden wechseln in den Basistarif des neuen Versicherers. Wer einen besseren Schutz will, muss aber wieder tiefer in die Tasche greifen, denn dann wird die Prämie wieder nach dem individuellen Versicherungsrisiko kalkuliert.

Die Versicherer sehen dem Wechselhalbjahr mit Sorge entgegen. In der Branche befüchtet man, dass die öffentliche Hand die privat versicherten Beamten in den Basistarif treiben wird, um Kosten zu sparen. Für die im alten Tarif Verbliebenen steigen dann die Prämien.

Außerdem könnte der Wechsel einige Kassen in die Bredouille bringen. Private Krankenversicherer, die in den vergangenen Jahren durch besonders hohe Beitragssteigerungen aufgefallen sind, müssen mit einem Versichertenschwund rechnen. Zwar können PKV-Versicherte auch nach dem Juni 2009 noch aus ihren Toptarifen aussteigen und in den Basistarif wechseln, aber nur noch bei ihrem Versicherer.

RÜCKKEHRER

Ab 2009 muss jeder Mensch eine Krankenversicherung haben. Das steht im Gesetzentwurf. Bei rund 200 000 Bürgern ist das derzeit nicht der Fall. Wer von ihnen früher privat versichert war, kann ab dem 1. Juli dieses Jahres in die PKV zurückkehren – und zwar in den sogenannten Standardtarif, der dem Basistarif vergleichbar ist. In zwei Jahren wird aus der Möglichkeit ein Zwang. Ex-PKV-Mitglieder müssen sich dann einer privaten Kasse anschließen. Der für sie gedachte Einstiegstarif ist der Basistarif.

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