Verbraucher : Ein neuer Anfang nach sechs Jahren

Privatleute können ihre Verbindlichkeiten durch ein spezielles Insolvenzverfahren loswerden / Kommerzielle Berater meiden

Stefan Kaiser

Unbezahlte Rechnungen, hohe Kreditforderungen – wem die Schulden erst einmal über den Kopf gewachsen sind, der glaubt, sie nie mehr loszuwerden. Dabei gibt es einen Ausweg, endgültig schuldenfrei zu werden, und immer mehr Menschen nutzen ihn. Allein im vergangenen Jahr meldeten mehr als 49 000 Haushalte Verbraucherinsolvenz an, nahezu eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr. Für Helga Springeneer ist das noch zu wenig. „Ich bin immer noch erstaunt, wie wenig Leute von der Verbraucherinsolvenz wissen“, sagt die Expertin von der Verbraucherzentrale Bundesverband. Angesichts der über drei Millionen überschuldeten Privathaushalte müssten viel mehr Leute von diesem Weg Gebrauch machen. „Es lohnt sich vor allem deshalb, weil es ein geordnetes Verfahren ist“, sagt Springeneer. „Es ist für jeden klar, wie sich die nächsten Jahre entwickeln.“

Um den Weg aus den Schulden zu schaffen, sollte man sich möglichst früh an eine anerkannte Schuldnerberatungsstelle wenden. „Wenn man merkt, dass man mit seinen Einkünften seine Kosten nicht mehr decken kann, sollte man einen Termin vereinbaren“, rät Claudia Kurzbuch von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. Bei den öffentlichen Stellen kann es je nach Region sehr lange Wartezeiten geben. „Das kann manchmal mehrere Monate dauern“, sagt Verbraucherschützerin Springeneer. „Das schreckt natürlich ab.“

Trotzdem raten Kurzbuch und Springeneer davon ab, sich an einen der vielen kommerziellen Schuldenregulierer zu wenden, die offensiv für ihre Dienste werben. „Unseriöse Schuldenregulierer erkennt man vor allem daran, dass sie von sich aus Kontakt zu Schuldnern aufnehmen“, sagt Springeneer. „Außerdem verlangen sie oft schon für eine Vertragsunterzeichnung hohe Gebühren.“ Auch viele Anwälte bieten Schuldnerberatung an. „Wer noch über pfändbares Einkommen verfügt, muss allerdings mit einer Gebühr rechnen“, sagt Springeneer.

Voraussetzung für die Einleitung eines Verbraucherinsolvenzverfahrens ist der vorherige Versuch einer außergerichtlichen Einigung mit den Gläubigern. Dazu muss der Schuldner einen Zahlungsplan mit festgelegten Raten und Terminen für die Rückzahlung seiner Schulden vorlegen. Alle Gläubiger müssen zustimmen, sonst scheitert der Einigungsversuch.

„Nach unseren Schätzungen führen nur 15 bis 20 Prozent der außergerichtlichen Einigungsversuche zum Erfolg,“, sagt Springeneer. „In den meisten Fällen kommt es zum Insolvenzverfahren.“ Wichtig ist, dass mit der Insolvenz auch die Restschuldbefreiung beim Amtsgericht beantragt wird.

Das Gericht setzt in der Regel einen Treuhänder ein, der das Vermögen des Schuldners verwaltet. Ab jetzt beginnt eine sechsjährige Wohlverhaltensperiode. In dieser Zeit muss der Schuldner mit Lohnpfändung rechnen. „Wie viel gepfändet wird, richtet sich nach der Höhe des Einkommens und nach dem Familienstand des Schuldners“, erklärt Verbraucherschützerin Springeneer. Ledige dürfen derzeit einen Freibetrag von 930 Euro behalten, der sich ab Juli auf etwa 970 Euro erhöhen wird. Wer Unterhalt für Frau oder Kinder zahlen muss, hat einen deutlich höheren Freibetrag.

Der Schuldner hat aber noch weitere Pflichten: Er darf seinen Arbeitsplatz nicht mutwillig aufgeben oder etwa von Vollzeit- auf Teilzeit umstellen. Wer arbeitslos ist, muss sich ernsthaft um einen Job bemühen. „Die Pflichten ähneln den verschärften Zumutbarkeitsregeln für Arbeitslose“, erklärt Springeneer. Außerdem müssen Adressänderungen dem Treuhänder unverzüglich mitgeteilt werden. Wer erbt, muss die Hälfte des Erbes an das Treuhandkonto abtreten.

Nach sechs Jahren „Bewährung“ ist der ehemalige Schuldner wieder schuldenfrei. „Das Leben wird dann ruhiger“, verspricht Claudia Kurzbuch. Unangenehme Konsequenzen könne es dennoch geben. „Schuldenfrei zu sein heißt nicht, dass ich in der nächsten Woche wieder einen Kredit bekomme. Der Eintrag bei der Schufa bleibt noch weitere drei Jahre bestehen.“ Erst dann sind die Spuren der schuldenbeladenen Vergangenheit endgültig verwischt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben