Verbraucher : Ein Telefon, das man versteht

Senioren entwickeln ein ideales Handy fürs Alter

Corinna Visser

Berlin - Drei große Tasten und ein großer roter Knopf, um einen Notruf senden zu können – so oder ähnlich stellen sich viele Hersteller das ideale Seniorenhandy vor. Doch sie irren. „Wir wollen kein spezielles Handy, dass uns Einschränkungen auferlegt“, sagt Klaus Wuttig. „Wir wollen eines bei dem die Grundfunktionen einfach zu erlernen sind und man Spaß daran hat, weiterzulernen, was das Handy noch alles kann.“ Inzwischen weiß der 68-Jährige Ingenieur im Ruhestand sehr genau, wie das ideale Seniorenhandy aussehen sollte. Wuttig forscht nämlich seit vielen Jahren daran – als Mitglied der Senior Research Group (SRG) an der TU Berlin.

Die SRG ist eine Gruppe von rund 25 Männern und Frauen im Alter zwischen 55 und 94 Jahren, die sich regelmäßig an der Uni trifft, um seniorengerechte Alltagsprodukte zu entwickeln. Das Handy gehört dazu. Auch für ältere Menschen ist das Mobiltelefon längst zum ständigen Begleiter geworden. „Senioren wissen die soziale Komponente des Handys zu schätzen und den Schutz den sie haben, wenn sie bei Gefahr jemanden anrufen können“, sagt Designer Kai-Uwe Neth, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU.

Die These, dass Senioren ein spezielles Handy wollen, „mit dem man einfach nur telefonieren kann“, stimme nicht, sagt Neth. „Es kommt aber darauf an, dass man ihnen die Vorzüge verschiedener Anwendungen erklärt.“ So kämen etwa SMS den Bedürfnissen vieler Senioren entgegen. „Ältere Menschen haben immer Angst etwas zu vergessen“, sagt Neth. „Eine SMS kann man aufheben.“

Dass man für den richtigen Buchstaben mehrmals auf die selbe Taste drücken muss, falle Senioren aber schwer. Daher hat das von der SRG entwickelte Handy für jeden Buchstaben eine eigene Taste – in normaler Größe. „Senioren haben auch nicht dickere Finger als andere“, sagt Neth. „Aber die Abstände zwischen den Tasten müssen stimmen und die Buchstaben müssen gut erkennbar sein.“ Zudem lassen sich bei dem Prototyp verschiedene Funktionen wie Telefonieren, SMS- Senden oder Nachrichten abfragen mit einem Regler einstellen, wie man ihn vom Radio kennt. Bei jeder Funktion leuchten nur die Tasten, die man für die Anwendung gerade braucht.

Klarheit ist Senioren auch bei den Kosten wichtig. „Älteren Menschen gefällt es nicht, wenn sie nicht wissen, was ein Gespräch gerade kostet. Deshalb nutzen viele Prepaid-Angebote, obwohl die Tarife teurer sind“, sagt Neth. Daher hätten viele Firmen die Senioren als Zielgruppe immer noch nicht entdeckt. Prepaid-Kunden bringen den Firmen in der Regel weniger Umsatz, schon allein weil sie wegen der hohen Tarife weniger telefonieren. „Dass man sich bei einem Vertrag über zwei Jahre binden muss, ist für viele Senioren ein größeres Problem, als das Handy“, sagt Neth.

Dabei könnte es sich lohnen, sich mehr um die Senioren zu bemühen. „Bei einem weitgehend gesättigten Markt wird die Zielgruppe der über 65- Jährigen immer interessanter. 75 Prozent von ihnen haben nämlich noch kein Handy“, sagt Neth. Und die Älteren seien bereit, auch zusätzliche Dienste zu kaufen. „Natürlich sind sie nicht an Britney- Spears- Klingeltönen interessiert. An Busfahrplänen, die man sich auf das Handy laden kann, aber schon.“ Problematisch sei jedoch, dass Handys meist in Geschäften verkauft werden, wo Senioren sich nicht immer wohl fühlen. Doch das ändert sich, sagt Neth. „Tchibo verkauft jetzt auch Handys, und Tchibo hat einen besseren Zugang zu Senioren als etwa Vodafone.“

Noch gibt es das ideale Seniorenhandy auch dort nicht zu kaufen. Einige Hersteller seien aber sehr an dem Gerät interessiert, sagt Neth. Schließlich sei das Seniorenhandy ein Telefon mit hoher ergonomischer Qualität – das sei auch für viele jüngere Nutzer interessant.

Kontakt: SRG – Senior Research Group, c/o Technische Universität Berlin, Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft und Produktergonomie, Fasanenstraße 1, 10623 Berlin. Im Internet: www.srg-berlin.de

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