Finanzkrise : Wie sicher sind unsere Versicherungen?

Die Finanzkrise hinterlässt auch bei den Lebensversicherern Spuren. Die Erträge sinken, aber Pleiten sind unwahrscheinlich.

Heike Jahberg

Die Finanzwelt steht Kopf. In den USA gehen reihenweise Banken in die Knie, der Versicherungsriese AIG kann nur mit Hilfe des Staates überleben, und jeden Tag pumpen die Notenbanken Milliarden in den Markt, um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Die Finanzkrise fordert fast täglich neue Opfer. Kein Wunder, dass auch in Deutschland viele Bürger nervös werden. Sie sorgen sich nicht zuletzt um ihre private Altersvorsorge. Wie sicher sind unsere Lebensversicherungen, Riester- und Betriebsrenten?

Was hat die Finanzkrise mit meiner Versicherung zu tun?

Die deutschen Versicherer haben mit dem Geld ihrer Kunden Kapitalanlagen von rund 700 Milliarden aufgehäuft. Das Geld wird weltweit investiert. Allerdings gibt es strenge Vorschriften für die Anlage. Der Großteil der Summe steckt in sicheren Anlagen, etwa in festverzinslichen Wertpapieren und Pfandbriefen. Maximal 35 Prozent der Anlagesumme dürfen in Risikokapital investiert werden – also beispielsweise in Aktien, Unternehmensbeteiligungen oder Hedgefonds.

Haben die Versicherer etwa auch diese umstrittenen Schrotthypotheken gekauft?

Ja, aber nur wenige. Zum erlaubten Risikokapital gehören auch Wertpapiere, die mit Kreditforderungen unterlegt sind (ABS). Eine Spielart dieser Papiere – nämlich Anleihen, in denen Schrotthypotheken (Subprime) gebündelt wurden – hat die Finanzkrise in den USA ausgelöst. Auch deutsche Versicherer haben solche Subprime-Titel in ihren Portfolios, allerdings nur zu einem sehr geringen Teil. Nur knapp 1,7 Prozent aller Kapitalanlagen sind überhaupt in ABS investiert, sagt Ulrike Pott, Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), „und nur zehn bis 20 Prozent davon entfallen auf problematische Subprime-Kredite“. Auch die Finanzaufsicht BaFin gibt Entwarnung. Sie hat die Auswirkungen der Subprime-Krise und die Folgen des Zusammenbruchs der Investmentbank Lehman Brothers auf die deutschen Versicherer untersucht. Ihr Fazit: „Nach den bisherigen Erkenntnissen der BaFin sind die Auswirkungen auf die deutschen Versicherungsunternehmen begrenzt“, berichtet Behördensprecher Peter Abrahams.

Welchen Einfluss haben die Börsen auf meine Lebensversicherung?

Anfang des Jahres hatte der Dax noch bei über 8000 Punkten gelegen, am Freitag waren es rund 2000 Zähler weniger. Das schmälert natürlich den Wert der Aktien, die die Versicherungsgesellschaften in ihren Depots haben. Allerdings ist deren Anteil an der gesamten Kapitalanlage heute deutlich geringer als früher. Die Aktienquote liegt in der Branche nur noch bei rund zehn Prozent und damit halb so hoch wie beim Börsencrash 2002, der die Mannheimer Versicherung damals in die Zahlungsunfähigkeit getrieben hatte. Hinzu kommt, dass die Anlagestrategie der einzelnen Versicherungsgesellschaften sehr unterschiedlich ist. Während etwa die Berliner Feuersozietät gerade einmal 0,8 Prozent ihrer Anlagesumme am Aktienmarkt investiert hat, sind es beim Branchenprimus Allianz noch immer deutlich über zehn Prozent. Allerdings hatte die Aktienquote bei der Allianz Lebensversicherung im Sommer sogar noch bei 15 Prozent gelegen. Dennoch ist Konzernchef Michael Diekmann unbesorgt. Er glaubt, dass Deutschlands größter Versicherer als Folge der Finanzkrise maximal 400 Millionen Euro abschreiben muss. „Gemessen an unseren Kapitalanlagen von über 120 Milliarden Euro ist das weit weniger als ein Prozent“, betont Eckhard Marten, Sprecher der Allianz Leben.

Also gibt es gar keine Probleme?

Das stimmt leider nicht. Denn die Finanzkrise schmälert auch die Rendite der Anleihen, und das trifft die Versicherer deutlich härter als Abschreibungen auf Subprime-Titel oder sinkende Börsenkurse. Weil immer mehr Anleger weltweit in sichere Anlagen flüchten, steigt der Kurs der Wertpapiere. Der Käufer muss mehr zahlen. Bezogen auf das investierte Kapital nimmt die Verzinsung ab – das heißt die Renditen sinken. Die Umlaufrendite der Bundesanleihen sank von 4,78 Prozent im Juni auf aktuell 4,26 Prozent. Analysten fürchten, dass die Talfahrt anhält. „Spätestens im nächsten Jahr wird die Europäische Zentralbank die Zinsen senken“, glaubt Oliver Borgis von der Weberbank. Er rechnet langfristig mit einer Umlaufrendite zwischen 2,5 und drei Prozent. Das hätte Konsequenzen für die Überschussbeteiligung der Versicherungskunden.

Wird die Gewinnbeteiligung sinken?

Sie wird auf jeden Fall nicht weiter steigen, glaubt Manfred Poweleit vom Branchendienst map-Report. „Die Erholung der letzten zwei Jahre wird sich nicht fortsetzen“, prognostiziert der Branchenexperte. Für dieses Jahr rechnet Poweleit mit einer durchschnittlichen Verzinsung von 4,39 Prozent, im Vorjahr hatte sie bei 4,26 Prozent gelegen. Entschieden wird in den Vorstandsetagen der Versicherer aber traditionell erst am Jahresende, was die Gesellschaften ihren Kunden für das kommende Jahr gutschreiben werden. Und sollte Weberbank-Analyst Borgis mit seinen düsteren Prognosen Recht behalten, müssen die Versicherten für die Zukunft mit sinkenden Erträgen rechnen. Die Gewinnbeteiligung der vergangenen Jahre bleibt davon aber unberührt (siehe Kasten und Grafik).

Was ist mit der Beteiligung an den stillen Reserven?

Seit dem 1. Januar dieses Jahres ist das neue Versicherungsvertragsgesetz in Kraft. Es schreibt den Versicherungsgesellschaften vor, dass sie ihre Kunden am Vertragsende auch an den stillen Reserven beteiligen müssen. Diese entstehen, wenn Aktien oder Immobilien, die mit dem Geld der Kunden gekauft worden sind, an Wert gewonnen haben. Tatsächlich zahlen aber viele Versicherer derzeit nichts aus diesem Topf, weil sie keine stillen Reserven mehr haben. Allerdings nicht immer zu recht, findet Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). „Die Beteiligung an den stillen Reserven ist eine Mogelpackung“, kritisiert der Verbraucherschützer. Zumindest ist sie für die Kunden nicht transparent. Diese können nicht abschätzen, wie hoch die Endabrechnung ausfällt. „Die Beteiligung an den stillen Reserven ändert sich ständig“, weiß Allianz-Leben-Sprecher Marten.

Was ist mit fondsgebundenen Policen?

Fondsgebundene Policen haben eine deutlich höhere Aktienquote als konventionelle Lebensversicherungen. Daher sind sie von dem Absturz der Börsenkurse deutlich stärker betroffen. Von „temporär erheblichen Auswirkungen“ spricht Verbraucherschützer Lars Gatschke: „Der Verbraucher trägt das volle Kapitalmarktrisiko“. Dennoch sollten Kunden jetzt nicht Hals über Kopf kündigen, sondern abwarten, was kommt, meint der Versicherungsexperte. Denn wer nun kündigt, muss mit erheblichen finanziellen Einbußen rechnen, weil die Versicherer zunächst ihre Kosten und die Vertreterprovisionen abziehen.

Allerdings sollte die jüngste Entwicklung den Verbrauchern eine Lehre sein. Viele sind nämlich beim Verkaufsgespräch mit der Aussicht auf hohe Renditen geködert worden, die sie nicht hinterfragt haben. Das rächt sich jetzt. Denn die vermeintlich hohen Chancen sind erfahrungsgemäß auch mit höheren Risiken verbunden. Wer eine sichere Altersvorsorge will, sollte von fondsgebunden Lebensversicherungen die Finger lassen, meint Branchenexperte Manfred Poweleit. Das gilt auch für Riester-Versicherungen, die es ebenfalls in der Fondsvariante gibt. „Von Fondspolicen sollten die Riester-Sparer Abstand nehmen“, so Poweleit.

Wie sicher ist meine Riester-Rente?

Bei der staatlich geförderten Riester-Rente müssen die Versicherer dafür Sorge tragen, dass der Versicherte bei Fälligkeit des Vertrags mindestens seine eingezahlten Beiträge herausbekommt – plus die staatlichen Zulagen. Das ist garantiert. Und das wird durch die Finanzkrise auch nicht in Frage gestellt. Für Riester-Sparer sind die Zulagen beziehungsweise die Steuerersparnisse in aller Regel wichtiger als die mit ihren Beiträgen erwirtschafteten Renditen.

Was wird aus meiner Betriebsrente?

Wer bereits jetzt eine Zusatzrente von seiner Ex-Firma bekommt oder kurz vor dem Eintritt in den Ruhestand steht, kann die Entwicklung an den Finanzmärkten entspannt verfolgen. Denn hier beruht die Betriebsrente fast immer auf einer Leistungszusage des früheren Arbeitgebers, für die dieser einzustehen hat, sagt Klaus Stiefermann, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba).

Dagegen unterliegen Pensionskassen, Pensionsfonds und Direktversicherungen denselben Regeln, die für die Versicherungsbranche gelten. Die Leistungen gliedern sich hier in einen garantierten Teil und in eine jährlich wechselnde Überschussbeteiligung. Hier können sich die Turbulenzen an den Märkten negativ auswirken. „Allerdings bekommen die Arbeitnehmer auf jeden Fall mindestens ihre eingezahlten Beiträge zurück“, betont Stiefermann. Auch im Fall einer Pleite sind die Beschäftigten geschützt. Bei Direktzusagen, Pensionsfonds und Unterstützungskassen springt im Fall einer Insolvenz des Arbeitgebers der Pensionssicherungsverein ein, bei Pensionskassen und Direktversicherungen Protektor.

Kann meine Versicherung Pleite gehen?

Sollte eine Versicherung in ernste Finanznöte kommen, schaltet sich notfalls der staatliche Rettungsfonds – Protektor – ein, in den alle Versicherer einzahlen. Protektor übernimmt im Fall der Fälle die Versicherungsverträge der Kunden und führt sie fort. Allerdings wird dann nur die Garantieverzinsung von 2,25 Prozent gezahlt. Doch für solche Ängste gibt es derzeit keinen Anlass, betont die deutsche Finanzaufsicht: „Die BaFin sieht die Stabilität der deutschen Versicherer nicht gefährdet“, beruhigt Behördensprecher Peter Abrahams die Kunden.

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