Verbraucher : Gefährlicher Glanz

Der Boom auf den Rohstoffmärkten treibt die Preise für Edelmetalle. Experten raten Anlegern zur Vorsicht

Arvid Kaiser

Der anhaltende Goldboom hat das Interesse der Anleger auch auf andere Edelmetalle wie Silber, Platin oder Palladium gelenkt. Seit September 2005 ist der Silberpreis auf knapp 15 Dollar je Unze gestiegen, nachdem er fast zwei Jahrzehnte lang um die Fünf-Dollar-Marke gependelt war. Platin hat die Marke von 1000 Dollar hinter sich gelassen und erreicht ständig neue historische Höchstpreise. „Die Notierungen für alle vier Edelmetalle haben sich innerhalb von nur sechs Monaten teilweise mehr als verdoppelt“, sagt Wolfgang Wrzesniok-Roßbach vom Edelmetall- und Technologiekonzern Heraeus. Die Fantasie der Käufer wird auch dadurch angeregt, dass sowohl der Börsenguru Warren Buffett als auch Microsoft-Gründer Bill Gates längst auf Silber gesetzt haben sollen.

„Wir sind wieder in“, freut sich Adrien Biondi, Edelmetallhändler der Commerzbank in Luxemburg. „Der Markt ist euphorisch.“ Die Edelmetallwerte würden von der allgemeinen Rohstoffhausse mitgezogen. Auslöser ist der steigende Ölpreis. Zum einen weckt dieser bei den Investoren die Angst vor Inflation. Hinzu kommen politische Risiken in Förderländern wie Iran oder Venezuela, die sowohl den Ölpreis weiter treiben als auch die Anleger animieren, Geld lieber in Sachwerte zu investieren.

Traditionell gelten Gold- oder Silberkäufe als Absicherung gegen Inflation und als vermeintlich sicherer Hafen in unsicheren Zeiten. „Die Zeiten sind gar nicht mal so schlecht“, meint Metallhändler Biondi dazu. Wer heute in Edelmetalle anlege, sehe darin eher eine alternative Investition. Silber, Platin oder Palladium werfen zwar keine Dividende ab, doch der Wert der Edelmetalle entwickelt sich unabhängig von Aktien- und Devisenmarkt. Deshalb setzen Fonds auf Gold und Silber, um ihre Risiken zu mindern.

Für private Anleger gibt es verschiedene Möglichkeiten, in Edelmetalle zu investieren: Eine Variante ist der Kauf von Schmuck, Münzen und Barren. Das hat jedoch eine Reihe von Nachteilen. „Bei Schmuck ist der Aufpreis auf den Materialwert in der Regel so hoch, dass er für ein Investment nicht in Frage kommt“, sagt Wrzesniok-Roßbach. Bei Silbermünzen oder -barren wiederum ist die Spanne zwischen An- und Verkaufspreis sehr hoch. Vor allem aber fällt bei allen Edelmetallen – außer bei Gold – auch noch die Mehrwertsteuer von 16 Prozent an. Bei Münzen muss man zudem berücksichtigen, dass der Prägewert häufig in keinem Verhältnis zum Materialwert steht. Letzterer hängt davon ab, wie schwer und wie rein das Silber ist. In Schmuck und Münzen lässt sich meist auch nur ein relativ geringer Materialwert aufbewahren. Für größere Investitionen bieten sich von Banken ausgegebene Zertifikate an – oder Exchange Traded Funds, die seit kurzem auch auf Silber setzen (siehe Kasten). Der Preis der Zertifikate läuft mit dem Metallpreis mit. Vorteile sind: Zertifikate sind mehrwersteuerfrei, es gibt keine Lagerprobleme, die Spanne zwischen An- und Verkaufspreis ist eng und sie lassen sich relativ einfach handeln.

Der eigentliche Klassiker ist eine Investition in Minenaktien. Das knappe Angebot an Edelmetallen auf der einen und die hohe Nachfrage auf der anderen Seite versprechen zwar hohe Profite, doch auch das Risiko ist hoch. Einfluss auf das Geschäft und damit die Aktienkurse haben Währungsschwankungen, andere Rohstoffpreise wie etwa für Energie, politische Entwicklungen und auch das Management. Da Silber meist als Abfallprodukt des Kupferbergbaus entsteht, lassen sich die börsennotierten reinen Silberminen an den Fingern abzählen.

Metallexperte Wrzesniok-Roßbach weist darauf hin, dass der Großteil der Nachfrage nach Silber, Platin oder Palladium – anders als bei Gold – nicht von Anlegern kommt, sondern aus der Industrie. Seit jeher sind die Edelmetallmärkte äußerst eng. Das Angebot reicht nicht aus, um die Nachfrage zu bedienen. Zusätzlich wird der Preis durch Spekulanten in die Höhe getrieben. „Es werden etwa 20 000 Tonnen Silber pro Jahr gefördert“, sagt Wrzesniok-Roßbach. „Allein 10 000 Tonnen werden an den Börsen im Moment von Spekulanten gehalten.“ Selbst wenn es am Markt eine Korrektur geben sollte, werde der Preisverfall aber wahrscheinlich auf hohem Niveau gestoppt. „Dann werden die industriellen Kunden, die jetzt den Zug verpasst haben, aufspringen und nachkaufen“, sagt Wrzesniok-Roßbach. Der in den 80er Jahren entstandene Produktionsüberschuss ist nach 15 Jahren Nachfrageüberhang beinahe aufgezehrt. China könnte demnächst vom Silberexport- zum Importland werden.

Die industrielle Nachfrage nach Silber ist zwar leicht rückläufig, seit immer mehr Menschen – statt silberbeschichtete Filme für ihre Kamera zu kaufen – lieber digital fotografieren. Dafür werden neue Anwendungen gefunden. Edelmetalle wie Silber rosten nicht, sind äußerst leitfähig und töten Bakterien. Der koreanische Elektronikkonzern Samsung hat eine Waschmaschine entwickelt, die dank Silberzusatz auch kalt waschen kann. Die Firma Bio-Gate, die einen Börsengang im zweiten Halbjahr plant, will Materialien mit kleinstteiligem Silber gegen Krankheitserreger schützen.

Bei Platin ist der hohe Preis deutlich weniger von Spekulation und mehr von der Nachfrage aus der Industrie getrieben. Platin wird in der Glasindustrie (etwa für LCD-Bildschirme) und in Katalysatoren verwendet. Weil immer mehr Autofahrer auf verbrauchsärmere Dieselfahrzeuge umsteigen, könnte der Platinpreis noch steigen. Allerdings beginnen manche Hersteller im Sommer, das Metall in Katalysatoren durch billigeres Palladium zu ersetzen.

Privatanlegern rät Wrzesniok-Roßbach zur Vorsicht: „Ich würde auf dem jetzigen Preisniveau nicht mehr einsteigen, sondern erst nach einem deutlichen Preisrückgang von etwa 20 Prozent neu investieren.“ Andererseits sei es noch zu früh, auf fallende Preise zu spekulieren: „Einem Bullen, der auf einen zurennt, sollte man aus dem Weg gehen.“ Der Edelmetallexperte erwartet, dass die Preise weiter steigen werden. Dagegen meint Sandra Ebner, Rohstoffanalystin der Deka Investment in Frankfurt: „Die Dynamik ist jetzt aus dem Silbermarkt raus.“ Der Markt habe seine Preisziele jetzt eingekreist. Der Anstieg des Platinpreises dagegen sei „sehr gut gerechtfertigt“. Generell sind die Edelmetallmärkte relativ eng und illiquide und damit mit erheblichen Risiken belastet. Ein Beispiel: Die weltweite Produktion von Platin pro Jahr hat nur ein Volumen von 6,5 Milliarden Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben