Gesundheitsreform : Die Tür ist offen

Ehemalige Privatpatienten, die ohne Versicherung dastehen, können nun zurück in die private Krankenversicherung. Doch kaum jemand tut das.

Heike Jahberg
Krankenkassen
Die Wirtschaftskrise und steigende Kosten werden im kommenden Jahr zu einem Milliardendefizit im Gesundheitswesen führen. -Foto: ddp

Ulrich Schmitt ist sauer. Seit Monaten versucht er, von der Axa Informationen darüber zu bekommen, wie er wieder in die private Krankenversicherung (PKV) zurückkehren kann. „Erst hieß es, wir wissen noch nichts“, sagt Schmitt, „dann haben sie mir Anfang des Monats ein Formular geschickt.“ Und das hat den Mann aus Glienicke dann erst so richtig auf die Barrikaden getrieben: „Ich sollte 1000 Fragen beantworten, aber in dem Formular steht weder, was die Versicherung kostet noch was sie leistet.“

Dass man auf solche Dinge achten muss, weiß Schmitt. Denn jahrelang war er Generalvertreter bei der Colonia, die später von der Axa übernommen wurde. Dann wagte er sich in die Immobilienbranche und erlitt Schiffbruch. Als er mit den Beiträgen für seine Krankenversicherung in Rückstand geriet, flog er raus. Seitdem hat Schmitt keine Krankenversicherung mehr. Das will er jetzt ändern.

Den Weg frei gemacht hat ihm die Politik. Im Rahmen der Gesundheitsreform beschlossen die Koalitionäre, dass alle Menschen, die früher einmal privat krankenversichert waren, jetzt aber ohne Versicherung dastehen, in die Privatversicherung zurückkehren dürfen (siehe Kasten). Betroffen sind vor allem Selbstständige und Freiberufler, die wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten irgendwann ihre Prämien nicht mehr bezahlen konnten. Seit dem 1. Juli können sie nun zu moderaten Konditionen in die PKV zurück.

In den Beratungen zur Gesundheitsreform war von 300 000 Menschen in Deutschland die Rede gewesen, die nicht krankenversichert sind. Doch heute scheint die Zahl zu hoch gegriffen zu sein. Denn weder die gesetzlichen Kassen, die seit April gerade mal einige Tausend Rückkehrer zählen, noch die privaten Versicherer verzeichnen derzeit einen Boom. Von „über 100 Angeboten“, die man verschickt habe, spricht Joachim Ochs von der Deutschen Krankenversicherung (DKV). Marktführerin Debeka hat seit Monatsanfang „deutlich unter 100 Anfragen“ verzeichnet, berichtet Vorstandsmitglied Roland Weber. Auch bei der Allianz bewegen sich die Anfragen im „unteren dreistelligen Bereich“, bei der R+V ist es „noch nicht einmal ein Dutzend“. Beim Bundesgesundheitsministerium warnt man jedoch davor, diese Zahlen zu ernst zu nehmen. „Der 1. Juli liegt noch nicht lange zurück“, betont eine Sprecherin, „dass es jetzt noch nicht so viele Anfragen gibt, heißt nicht, dass das Problem nicht existiert.“

Warum bisher so wenige Menschen in die PKV zurückkehren, hat mehrere Gründe. „Niemand macht Werbung dafür“, sagt Cornelia Nowack, Krankenversicherungsexpertin der Stiftung Warentest. „Die privaten Versicherer haben kein Interesse daran, dass viele Menschen in den neuen Standardtarif gehen“, weiß die Verbraucherschützerin. Das stimmt. In der Branche wird offen über die neue Zumutung des Gesetzgebers geklagt. Wegen der Deckelung der Höchstbeiträge und dem gesetzlich vorgeschriebenen Verzicht auf Risikozuschläge ist der neue Tarif nach Meinung der Branche nicht auskömmlich. „Es würde mich nicht wundern, wenn privat Versicherte gegen den subventionierten Tarif klagen werden“, sagt DKV-Sprecher Ochs. Hinzu kommt: Auch die möglichen Kunden sind zögerlich. „Viele haben Angst, dass sie die Prämien nicht zahlen können“, glaubt Nowack. Dass der neue Standardtarif billiger ist als eine normale Vollversicherung, wissen die Leute nicht. „Die Informationen fehlen“, meint die Verbraucherschützerin.

Das ist nicht nur die Schuld der Branche. Da das Rückkehrrecht in die PKV erst spät ins Gesetz aufgenommen worden sei, habe man im Versicherungsverband auch erst spät mit der Kalkulation des Tarifs beginnen können, heißt es bei der Axa. Denn der neue Standardtarif ist branchenweit einheitlich, einen Wettbewerb um die Kunden gibt es in diesem Segment nicht. Doch weder die Prämien noch die Versicherungsbedingungen sind bislang amtlich genehmigt, „wir haben derzeit nur vorläufige Beiträge“, sagt Axa-Sprecher Klaus Tekniepe. Ende des Monats soll es die Versicherungsbedingungen und die endgültigen Prämien geben. Dann bekommt auch Ulrich Schmitt die Informationen, die er haben möchte.

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