Verbraucher : Gewinnen mit Gefühl

Rationale Anleger gibt es nur in der Theorie. Um Geld zu verdienen, sollte man seine Emotionen kennen

Bernd Hops

Börsen sind nach der reinen Lehre perfekte Märkte. Entscheidungen werden rational gefällt – und sind objektiv anhand von Daten und Fakten nachzuvollziehen. Von wegen. Das zeigen Wissenschaftler, die sich mit „Behavioral Finance“ beschäftigen. Die Aktienmärkte weltweit werden vor allem vom Gefühl getrieben. „Der Anleger kann kein Homo oeconomicus werden“, sagt Helmut Henschel von WestLB Research. Er ist davon überzeugt, dass Gefühle auch wichtig sind für den Anlageerfolg. Verhalte sich ein Anleger völlig rational, werde er wahrscheinlich schlechter als der Durchschnitt liegen. „Ohne Gefühl habe ich auch keine Angst vor Verlusten“, sagt Henschel.

Doch führen Gefühle Anleger nicht nur auf die Siegerstraße. Henschel fordert deshalb: „Damit Fehler vermieden werden, müssen sich die Anleger ihre Gefühle klar machen.“

„Ich bin der Beste.“ Viele Anleger sind zu selbstbewusst. „Individuen scheinen permanent zu überschätzen, was sie eigentlich wissen, und auch im Vergleich zu anderen halten sie sich meistens für besser“, heißt es in einer Studie der Behavioral Finance Group an der Uni Mannheim. Besonders anfällig sind professionelle Investoren, die zum Beispiel in einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung schlechter abschnitten als Börsenlaien. Eigene Entscheidungen, die später von anderen Anlegern getroffen oder von Analysten empfohlen werden, werden als Bestätigung der persönlichen überdurchschnittlichen Kompetenz verbucht, falsche Entscheidungen dagegen lieber ausgeblendet.

Zappelphilipp auf dem Parkett. Vor allem Privatanleger neigen dazu, sich durch kurzfristige Schwankungen nervös machen zu lassen – und wechseln ihre Aktien im Depot zu häufig aus. Das macht die Broker reich. Doch es hilft wenig. Der durchschnittliche Anleger schneidet nach Transaktionskosten oftmals schlechter ab als ein Aktienindex, hat Markus Glaser von der Uni Mannheim festgestellt.

Gekauft wird, was ins Auge sticht. Anleger haben ein Informationsproblem – es gibt zu viel davon. Komplett verarbeiten kann den Nachrichtenfluss kein Mensch mehr. Also werden die Aktien gekauft, die man kennt oder die gerade durch Schlagzeilen auffallen. Die Folge laut Behavioral-Finance-Forscher Glaser: Im durchschnittlichen Depot sind zu wenig unterschiedliche Aktien enthalten, die zudem oft aus einigen wenigen Wirtschaftszweigen und von heimischen Unternehmen stammen. Hier blenden die Anleger das größere Risiko einfach aus.

„Fang nie ein fallendes Messer auf.“ Anleger neigen dazu, zu früh in Aktien einzusteigen, die starke Kursverluste verzeichnet haben. Langfristig orientierte Anleger sollten warten, bis sich die Aktie auf niedrigem Niveau stabilisiert hat – und erst dann kaufen. Wer mittel- oder kurzfristig orientiert ist, sollte sich lieber nur an die Gewinner halten.

„Der Trend ist dein Freund.“ Für täglich agierende professionelle Investoren ist diese Regel interessant, findet der Experte der WestLB Henschel. Für Privatanleger sollte lieber gelten, nicht zu häufig ins Depot zu schauen. Laut US-Forschern liegt die Wahrscheinlichkeit, einen Verlust zu sehen, bei 50 Prozent, wenn man seine Aktien jeden Tag kontrolliert. Das ist nicht gerade gut für die Stimmung und verleitet zu voreiligen Reaktionen. Besser wäre es, alle paar Monate draufzuschauen, rät Henschel, und außerdem regelmäßig zu kontrollieren, ob nicht ein grundlegender Wechsel im Depot ansteht, weil zum Beispiel bestimmte Branchen bedeutungslos werden.

„Alte Liebe rostet nicht.“ Leider gilt das auch für Anleger besonders gegenüber Verlierern. Die Anleger scheuen die Einsicht, dass sie bei einer Aktie falsch liegen. Verlustbringer werden deshalb über ein „mentales Konto“ schön gerechnet. An der Uni Mannheim wurden Testpersonen gefragt, ob sie ihre Minuswerte noch einmal kaufen würden. In der Regel wurde das bejaht. Als aber die Testdepots aufgelöst und die Mittel wieder neu angelegt wurden, war keine der vorher gelobten Aktien mehr dabei. Wenig Trennungshemmungen haben Anleger übrigens bei Aktien, die gut laufen. Die werden in der Regel zu früh verkauft.

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