Verbraucher : Glücksgefühle machen mutig

Welche Rolle Emotionen an der Börse spielen – und was Anleger daraus lernen können

Henrik Mortsiefer

Geldanlegen ist Gefühlssache. Obwohl sich an der Börse alles um Zahlen zu drehen scheint, haben Hoffnungen, Ängste, Gier und Geiz einen weitaus größeren Einfluss auf Wertpapiergeschäfte, als es die nüchternen Kurse vermitteln.

Dass es beim Geldanlegen nicht immer mit rationalen Dingen zugeht, ist spätestens seit der New-Economy-Hysterie bekannt. Doch auch heute, nach der großen Ernüchterung, spielen die Gefühle der Aktienhändler, Fondsmanager und Anleger häufig verrückt. Ein junger Zweig der Finanzwissenschaft untersucht dieses Zusammenspiel von Psychologie und Ökonomie – und zieht Schlüsse daraus, die für große und kleine Anleger nützlich sind.

Die Behavioral Finance zeigt, dass die Annahmen und Vorhersagen der Theorie häufig nicht mit dem kompatibel sind, was Anleger tatsächlich denken und tun. Sinnfällig wurde dies, als die Spekulationsblase am Neuen Markt immer größer wurde – und die Warnungen vor einem Crash trotzdem ungehört blieben. Internetaktien wurden gekauft, bis es krachte. „Lerne aus deinen Schwächen“, lautet deshalb die Losung, mit der Forscher wie Martin Weber, Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Mannheim, an die Arbeit gehen. „Eine Gewinngarantie liefern wir damit noch nicht“, warnt Weber. Mit konkreten Empfehlungen tun sich die Experten generell schwer, weil sie noch Grundlagenforschung betreiben.

Aber: „Inzwischen sind die Erkenntnisse der Behavioral Finance in die alltäglichen Analysetechniken eingearbeitet worden. Alle Banken und Investmenthäuser arbeiten damit“, sagt Helmut Henschel, der sich bei der WestLB mit dem Thema beschäftigt. „Das Interesse ist groß, weil sich alle Markteilnehmer darin selbst erkennen können.“

Angebote, das Marktgeschehen jenseits harter Fakten erklären zu können, werden gerade in Börsenphasen wie der aktuellen nachgefragt. Seit einem halben Jahr pendeln die Kurse nach oben und unten, ohne dass ein klarer Trend erkennbar würde. Kein Anleger wagt es da auszubrechen. Die Pattsituation wirkt wie ein sich selbst verstärkender Prozess. Aber warum verhalten sich Anleger wie eine Herde, aus der niemand ausscheren will?

Weil der Einzelne von der Flut an Informationen und Angeboten überfordert ist und deshalb nach Wegen sucht, wie sich Entscheidungen vereinfachen lassen. So kommen bestimmte Aktien, Fonds oder andere Anlageprodukte in Mode, nur weil sie Aufmerksamkeit erregen – sei es durch Kursgewinne, Schlagzeilen oder Gerüchte. Auch ein gutes Abschneiden im Vorjahr macht Fonds häufig attraktiv, obwohl sich selten schon nach zwölf Monaten sagen lässt, ob ein Fondsmanager gute Arbeit leistet.

Anleger, die sich aktuellen Trends entziehen und an langfristigen Zielen für die Geldanlage festhalten, verdienen an der Börse meist mehr als diejenigen, die mit jeder Mode gehen. Nicht zuletzt, weil häufiges Handeln hohe Gebühren verursacht, die die Rendite empfindlich schmälern. Doch eine solche Oppositionshaltung fällt den meisten schwer. Helmut Henschel von der WestLB: „Viele Anleger wollen vom Verhalten ihrer sozialen Gruppe nicht abweichen, weil das schmerzhafte Folgen haben kann.“ Der Banker, der sich nicht nur mit Psychologie, sondern auch mit Erkenntnissen der Hirnforschung beschäftigt, meint das wörtlich. „Es werden im Gehirn dann Regionen aktiviert, die auch bei körperlichen Schmerzen angesprochen werden. Das tut richtig weh.“

Noch schmerzhafter können freilich die Verluste sein, die sich in einem Depot anhäufen, das den Trends hinterherläuft. Hier hat die Behavioral Finance typische Verhaltensmuster ausgemacht, die vielen Anlegern vertraut sein dürften: Verluste werden zu lange im Depot angesammelt, Gewinne hingegen zu früh realisiert. „Es wird viel zu oft in die Vergangenheit geschaut“, sagt Martin Weber. „An der Börse, wo Erwartungen gehandelt werden, ist das fast immer falsch.“

Dabei könnte der Blick nach vorn der müden Börse mehr Schwung geben, wie WestLB-Experte Henschel meint. Schon die Prognose, dass es an der Börse wieder bergauf gehen könnte, mache Anleger glücklich. „In der Hirnforschung zeigt sich dies an einer höheren Ausschüttung des Glückshormons Dopamin. Der Traum vom Gewinn verschafft Anlegern somit schon ein Glücksgefühl und macht sie mutiger.“ Und Mut, das lehrt nicht nur die Behavioral Finance, wird an der Börse immer gebraucht.

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