Grüner Punkt : Kampf um die Gelbe Tonne

Maschinen könnten Menschen das Mülltrennen abnehmen. Ob sich das bezahlt macht, ist umstritten.

Nils-Viktor Sorge,Larissa Klatt
Gelbe Tonnen
Das Sammeln kostet die Verbraucher derzeit etwa 1,5 Milliarden Euro im Jahr. -Foto: ddp

Ein gefräßiges Hightechwunderwerk in Trier ist der Schrecken weiter Teile der deutschen Abfallwirtschaft. Die Trennmaschine, so sind manche Experten überzeugt, könnte die Gelbe Tonne überflüssig machen, das Sinnbild bundesrepublikanischer Sammelkunst. Zwar wird die Bundesregierung den Grünen Punkt derzeit voraussichtlich noch einmal stützen – das Umweltministerium wird dem Kabinett eine entsprechende Gesetzesnovelle noch in diesem Monat vorlegen –, doch die Union hat bereits durchblicken lassen, dass schon bald wieder tief greifende Änderungen erfolgen müssen.

Nass, stinkend und unansehnlich ist das Gemenge, das die Anlage erst zu etwa fußballgroßen Müllbrocken verkleinert. Die Bündel, so ist es geplant, fallen in luftdurchlässige Rotteboxen, wo sie in sieben bis zehn Tagen viel Feuchtigkeit verlieren – das ist die wichtigste Innovation an dem Projekt. Auf einem Fließband rollen die Ballen dann an Glühbirnen vorbei, die mit Infrarotlicht Kunststoffe, Folien und Metalle aus den Müllbergen ausspähen. Luftdruckdüsen schießen entdecktes Gut vom Band in ein Auffangbehältnis. Kartoffelschalen und Windeln bleiben links liegen. Die Maschine trennt somit auch Restmüll von Verpackungsabfällen.

Das Müllmonster von der Mosel ist Teil eines Pilotprojektes, das eine milliardenschwere Branche womöglich kräftig durchschüttelt und die Gewohnheiten der Verbraucher revolutioniert. „Das Grundproblem, dass sich Müll, solange er nass ist, schwer sortieren lässt, ist damit gelöst“, erklärt Maximilian Monzel, Geschäftsführer des örtlichen Zweckverbands Regionale Abfallwirtschaft. „Sollte der Pilotversuch von Erfolg gekrönt sein, könnte in Zukunft getrenntes Sammeln von Verpackungsmüll überflüssig werden.“ Ein Satz, der es in sich hat. Kein Wunder, dass die Sammelbranche die Wirtschaftlichkeit des Trierer Projekts in Zweifel zieht. „Wer sagt, Verpackungen und Restmüll lassen sich flächendeckend mit technischen Mitteln trennen, betreibt Augenwischerei“, sagt eine Sprecherin des Dualen Systems Deutschland (DSD), dem größten Recycler von Verpackungsmüll mit dem Grünen Punkt.

Dennoch tut sich was in Sachen Müll. Die jahrelange Gewissheit, dass die fein säuberliche Trennung in Küchen und Kellern sinnvoll ist, gerät zunehmend ins Wanken. „Nach zehn oder 15 Jahren müssen wir uns fragen, ob wir wirklich krampfhaft daran festhalten sollen“, sagt etwa der liberale niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (siehe Interview).

Da neue Techniken eine bessere automatische Sammlung und Verwertung erlauben, könnte das System auch einfacher funktionieren, sagte auch der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Bernd Pfaffenbach. Das Thema werde in der nächsten Legislaturperiode wieder auf der Tagesordnung stehen.

Derzeit tragen die Bundesbürger im Jahr etwa 16 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle zusammen. Die Sammelwirtschaft kostet sie etwa 1,5 Milliarden Euro im Jahr. Das Geld zahlen sie in Form praktisch unsichtbarer Aufschläge auf Verpackungen im Supermarkt. Bis zu 1,30 Euro pro Kilo Verpackung müssen die Hersteller auf ihre Produkte draufschlagen. Bei einem Becher Joghurt macht das etwa 0,9 Cent, bei einer Plastiktüte etwa 1,23 Cent. Über die Händler geben die Hersteller diese Kosten an die Verbraucher weiter. Diese Einnahmen finanzieren das Sammel- und Sortierwesen.

Nach Ansicht der Verwerter müsste aber fast zehnmal so viel Abfall wie bisher mechanisch getrennt werden, wenn Restmüll und Verpackungsmüll in eine Tonne gelangten. Diese Investitionen würden die Entsorgung drastisch verteuern und die durch eine wegfallende Tonne eingesparten Kosten übertreffen.

„Die Gelbe Tonne sollte nicht abgeschafft, sondern weiterentwickelt werden“, sagt daher Eric Schweitzer, Vorstand beim Berliner Entsorger Alba, der über eine Beteiligung am DSD-Konkurrenten Interseroh ebenfalls im Geschäft mit dem Grünen Punkt tätig ist. „Eine Trennung ist nötig, denn die nasse Pampe kann nicht über die Sortieranlage laufen.“

Bis Trocknungsverfahren wie in Trier marktreif sind, könnten jedenfalls Jahre vergehen. Dass eine solche Maschine schon bald den Verzicht auf die Gelbe Tonne möglich macht, hält Abfallexperte Kurt Schüler von der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung für unmöglich. „Noch mindestens zehn Jahre wird es bei der Mülltrennung zwischen Verpackungen und Restmüll bleiben, weil die bestehende Sortiertechnik noch nicht in ausreichendem Maße in der Lage ist, qualitativ wertvolle Stoffe zu recyceln.“

In der Zwischenzeit plant der Gesetzgeber zunächst eine Lockerung der Regeln für die Gelbe Tonne. Wie schon in Berlin und Leipzig sollen bald auch „intelligente Fehlwürfe“ erlaubt sein. Dann kommt es weniger darauf an, ob tatsächlich ein Grüner Punkt auf dem weggeworfenen Gegenstand ist, sondern mehr, aus welchem Material er ist. Doch auch hierbei könnte es Verlierer geben: Die Müllpolizei der Entsorger, die derzeit noch Tonnen in weiten Teilen Deutschlands kontrolliert, dürfte deutlich weniger zu tun haben.

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