Handy-Panne : Versorgungslücke in der Kommunikation

Der bisher größte Ausfall im deutschen Handynetz hat viele T-Mobile-Kunden verärgert. Was ist passiert?

Brigitta Moll,Corinna Visser

Am Dienstag kurz nach 16 Uhr ist in einer wichtigen Datenbank von T-Mobile ein Softwarefehler aufgetreten. Betroffen war das „Home Location Register“ (HLR), also die Datenbank, bei der die Kunden registriert und ihre Tarifinformationen gespeichert sind. Sie ist ein zentrales Element des Netzes. Das HLR ist auf drei Großrechnern gespeichert, einer davon dient als Reserve. Doch nach den beiden ersten Rechnern fiel auch noch der dritte aus. „Das ist ein Fall, der kommt eigentlich nie vor“, sagte ein Sprecher von T-Mobile. Doch am Dienstag ist es passiert und hat zum größten und längsten Netzausfall geführt, den es in Deutschland bisher gegeben hat. Nach der Ursache für den Softwarefehler fahnden die Techniker noch. Das Problem konnte zunächst behoben werden, indem alle drei Rechner der Reihe nach heruntergefahren und dann sukzessive wieder neu gestartet wurden. Ab circa 21 Uhr lief alles wieder störungsfrei.

Wie viele Menschen waren betroffen?

T-Mobile ist der größte deutsche Mobilfunkanbieter mit annähernd 40 Millionen Anschlüssen. An einem normalen Werktag laufen 40 Millionen Telefonverbindungen und 35 Millionen SMS pro Tag über das Netz. Die Softwarepanne legte das Netz bundesweit, aber nicht flächendeckend lahm. Insgesamt seien in der Zeit nur 25 Prozent des sonst üblichen Verkehrs abgewickelt worden, hieß es bei T-Mobile. 40 Millionen Mobilfunkanschlüsse bedeuten allerdings nicht 40 Millionen Kunden. Viele Mobilfunknutzer haben mehr als ein Handy oder haben eine zweite Mobilfunkkarte (SIM) zum Beispiel in ihrem Laptop oder Taschencomputer. Es gibt auch eine Reihe von Handykarten, die für die Kommunikation zwischen Maschinen eingesetzt werden. Energiekonzerne etwa statten Messgeräte mit Mobilfunk aus, um Daten aus der Ferne ablesen zu können. Es ist also unklar, wie viele Menschen genau von der Panne betroffen waren.

Warum geht nichts mehr, wenn die

Registrierung nicht funktioniert?

Jedes Mal, wenn ein Kunde einen Anruf einleitet oder sich mit seinem Handy bewegt, nimmt das Mobiltelefon Kontakt mit einer Sendestation auf. Von diesen GSM-Sendestationen hat T-Mobile deutschlandweit 20 000 aufgestellt. Ein Mobilfunknetz ist in einer Zellenstruktur aufgebaut. Jede Sendestation leuchtet eine Zelle aus, die in Ballungsgebieten einen Durchmesser von 100 bis 200 Metern hat. Auf dem Land können das auch mehrere Kilometer sein. Die Sendestation fragt bei jedem Anruf und jedem Zellenwechsel beim HLR nach, ob der Kunde auch berechtigt ist, diesen Anruf zu machen. Dort ist nämlich auch verzeichnet, welchen Tarif der Kunde nutzt und ob er seine Rechnung bezahlt hat. Das HLR ist für ein Mobilfunknetz also so etwas wie die Steuerung des zentralen Nervensystems. Fällt es aus, geht nichts mehr.

Wie kann es sein, dass so ein zentrales

Element ausfällt?

Die Telekom hat Sabotage, Computerviren oder andere Angriffe von außen als Ursache ausgeschlossen. Nach dem wahren Fehler sucht sie aber noch. Christian Horchert vom Chaos Computer Club zeigt Verständnis für die Panne: „Die Software, die die Kundendaten verwaltet, ist ein so komplexes System, dass ein kleiner Fehler katastrophale Auswirkungen haben kann.“ In der Folge könne es zu einer Kettenreaktion kommen. „Das war einfach Pech.“ Während die Computersysteme der Telekom sonst nicht gerade einen guten Ruf genießen, wurde das Mobilfunknetz von T-Mobile immer wieder wegen seiner hohen Qualität ausgezeichnet. „Normalerweise sichern die Hersteller den Mobilfunkanbietern eine Verfügbarkeit von 99,999999 Prozent zu. Das bedeutet, dass die Systeme im Jahr höchstens zwei Minuten aussetzen dürfen“, sagte ein Experte. „Ich bin irritiert über das Ausmaß des Netzausfalls.“

Können Kunden Schadenersatz fordern?

Die Deutsche Telekom entschuldigt sich für den Netzausfall mit Gratis-SMS am kommenden Sonntag. Die Kunden könnten einen Tag lang Standard-Kurzmitteilungen kostenlos in alle Netze verschicken. Schadenersatzansprüche schließt T-Mobile – jedenfalls für Privatkunden – aus. Eine Klage auf Schadenersatz habe wenig Aussicht auf Erfolg, sagen auch Verbraucherschützer. Denn T-Mobile müsste nachgewiesen werden, den Netzausfall fahrlässig verschuldet zu haben. Das wäre der Fall, wenn etwa für die Software, deren Fehler den Ausfall verursacht hatte, keine Testläufe gemacht worden wären. „Diese Testläufe sind aber bei großen Unternehmen absolut üblich“, sagt Iwona Gromek von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Auch müsste der Kläger einen konkreten finanziellen Schaden nachweisen – was wohl schwierig wäre. Denn Kunden hätten für ein dringendes Telefonat in der Regel auf das Festnetz ausweichen können. Da dieses meist günstiger als Handytelefonate ist, wäre so kein finanzieller Schaden entstanden.

Bei Geschäftskunden, mit denen individuelle Verträge ausgehandelt wurden, könnte es anders aussehen. Hier gibt es gegebenenfalls Klauseln, die Schadenersatzansprüche begründen. Doch auch für Geschäftskunden ist der Schadennachweis schwierig. Denkbar wäre dies bei Börsengeschäften, wenn eine Aktie nicht in dem gewünschten Moment verkauft werden konnte, sondern erst zwei Stunden später zu einem geringeren Kurs.

Schließlich gibt es da auch noch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von T-Mobile. Darin steht, dass der Handyanschluss „im Rahmen der technischen und betrieblichen Möglichkeiten“ bereitgestellt wird. Das könnte die Haftung von T-Mobile von vornherein ausschließen, sagt Verbraucherschützerin Gromek.

Die ganz Verärgerten können den Vertrag auch nicht von heute auf morgen kündigen. Denn dafür reicht eine kurzzeitige Störung alleine wohl nicht aus.

Welche Folgen hatte der Ausfall?

Die Auswirkungen haben sich in Grenzen gehalten. Da Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste auf anderen Kanälen kommunizieren, war ihre Kommunikation kaum betroffen. Allerdings funktionieren Notrufe bei einem Netzausfall häufig nicht. Daher empfiehlt es sich in solchen Fällen, die SIM-Karte aus dem Handy zu entfernen; nur dann sind Notrufe immer möglich.

Jedoch mag mancher, der zeitweise ohne Mobilfunknetz dastand, verunsichert gewesen sein. Denn das Handy ist inzwischen fester Bestandteil des Alltags, soziale Kontakte werden meist kurzfristig mit einem Anruf unterwegs organisiert. So vergewissern sich etwa Eltern, ob der Nachwuchs bald nach Hause kommt. „Das Potenzial, immer erreichbar zu sein, verschafft uns Sicherheit“, sagt die Kommunikationsexpertin Iren Schulz von der Universität Erfurt. Falle diese ständige Verfügbarkeit weg, fühle man sich schnell von der Außenwelt isoliert.

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