Verbraucher : Hering mit einem Hauch Orange

Bernd Matthies

DAS TESTURTEIL: 10 Punkte 0 Punkte: Hände weg und alle Bekannten warnen, 5 Punkte: Noch mal drüber schlafen, 10 Punkte: Sofort kaufen

testet eine Fischkonserve Droben in Skandinavien essen sie eher abenteuerlich – Elch, Rentier, tote Fische mit Zucker. Man kann nur mutmaßen, wie es beispielsweise zur Erfindung des graved lax kam: Vermutlich ist da einem unvorsichtigen Koch Zucker auf den Dill-Lachs geraten, und um keinen Ärger zu bekommen, verbuddelte er alles flink im Garten. Das hat dann jemand anders wieder ausgegraben und das Ergebnis für lecker befunden.

Lachs, na gut, das kennt man. Aber Hering mit Zucker? Doch, das ist ganz normal und in vielerlei Varianten seit ewigen Zeiten üblich – und es schmeckt viel besser als der knirresaure Bismarck-Hering, mit dem die deutsche Küche ihre Inkompetenz in Sachen Fischverarbeitung beweist. Jede Ecke Skandinaviens hat ihre eigenen Rezepte für das, was dann hinterher schlicht „Sild“ oder „Sill“ heißt – der beste stammt aus dem Norden Bornholms, von der Insel Christiansö; in Berlin ist er nicht zu haben.

Doch die Heringskonserven der schwedischen Firma Abba (nicht verwandt oder verschwägert) sind ein höchst passabler Ersatz. Bislang gab es sie in den traditionellen Geschmacksrichtungen: Tomate, Sherry, Dill, was eben über die Jahrhunderte in Skandinavien so an Gewürzen anlandete. Der Hering in Currycreme kam vermutlich als letzte Novität später hinzu, auch er längst ein Klassiker.

Seit kurzem bietet Abba „Orangen- Sild“ an, was echten Fans natürlich nicht entgeht. Orangen-Hering, warum nicht. Zack! ist das Glas auf, mal schnuppern. Hmmmmh! Ein kräftiger Hauch von Orangenschale weht heraus, aber nicht nur. Denn irgendein Würzgenie in Schweden hat gefunden, dass Zimt auch passen könnte, und von da ist es nicht mehr weit zum Kardamom, der dieser Komposition die richtige Rundung gibt. Das schmeckt, falls man das über Fisch so sagen darf, einfach schweinelecker. Grund genug, das Vollkornbrot von SoLuna aus Ringenwalde (zum Beispiel Donnerstag am Wittenbergplatz) anzuschneiden, dünn Butter draufzustreichen, den Fisch draufzulegen und reinzubeißen. Genial.

Das Blöde ist nur, dass das winzige Glas viel zu schnell leer ist. In Skandinavien gibt es Hering dieser Art eimerweise in jedem Supermarkt. Womit wir beim heiklen Punkt wären. Denn die Berliner Ladenketten stecken ja allesamt in einem Auslistungs-Wettlauf, der praktisch jedes kulinarisch einigermaßen interessante Produkt trifft. Ich habe diesen Orangen-Hering bei Wertheim am Kurfürstendamm gefunden, wer weiß, wie lange noch. Aschermittwoch lässt sich jedenfalls nicht würziger zelebrieren.

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