Verbraucher : In den Startlöchern

Börsengänge lohnen sich wieder – nicht nur für die Unternehmen. Schnelle Gewinne locken Kleinanleger

Frank Bremser,Henrik Mortsiefer

An der Börse tanzen wieder die Kurse: Um 30 Prozent sprangen die neuen Aktien des Solarherstellers Q-Cells am Mittwoch beim Börsenstart in die Höhe, 55 Prozent waren es in der vergangenen Woche beim Wettbewerber Ersol und 29 Prozent beim Baugeldvermittler Interhyp. Anleger, die das Glück hatten, Papiere der Börsenneulinge von ihrer Bank zugeteilt zu bekommen, freuten sich über hohe Zeichnungsgewinne.

Schon vor der Notierung auf dem Kurszettel war die Nachfrage nach den Neuemissionen im vorbörslichen Handel groß. Anbieter wie DKM Wertpapierhandelsbank und Lang&Schwarz verzeichnen regen Handel: „Die Nachfrage nach Neuemissionen ist größer als das Angebot und treibt die Preise“, sagt Stefan Chmielewski von Lang&Schwarz. „Und die Eröffnungkurse haben gezeigt, dass es keine Fantasiepreise sind.“

Das wieder erwachte Interesse der Anleger an deutschen IPOs (engl.: Initial Public Offerings) ermuntert auch die Vorstände anderer Unternehmen. HCI, ein Anbieter für geschlossene Immobilienfonds, geht an diesem Donnerstag an den Markt. Am 12. Oktober soll der Internet-Lotterieanbieter Tipp24 folgen. Am gleichen Tag beginnt nach Informationen aus Finanzkreisen die Preisfindungsphase (Bookbuilding) für das Solar-Unternehmen Sunline. Am 20. Oktober startet die Firma auf dem Parkett. Wenig später, am 25. Oktober, will der Kieler Baudienstleister Design Bau an die Börse gehen. Auch Lloyd Fonds, wie HCI ein Anbieter geschlossener Fonds, plant seine Erstnotiz Ende des Monats.

Eberhard Dilger, Leiter des Aktienemissionsgeschäfts bei der Commerzbank, erwartet bis zum Jahresende noch „eine Reihe weiterer Neuemissionen“. Hermann Prelle von der Schweizer Großbank UBS und Kerstin Schmitz von Sal. Oppenheim rechnen noch mit zehn Börsengängen. Auch Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ist optimistisch: „Ich erwarte, dass wir Ende dieses Jahres circa 15 größere Emissionen erlebt haben werden.“ Im vergangenen Jahr waren es hier zu Lande insgesamt nur sechs.

Da werden Erinnerungen an frühere Börsenzeiten wach: Als die Geschäfte der New Economy noch brummten, rissen sich Anleger um die frischen Aktien der Unternehmen am Neuen Markt. Doch weil die Gier keine Grenzen kannte, baute sich eine gewaltige Spekulationsblase auf – bis zum großen Crash im Jahr 2000. Droht fünf Jahre später eine neue Übertreibung? Wie gefährlich ist es, mit kleinem Geld auf neue Aktien zu setzen?

Eberhard Dilger macht Unterschiede zum alten Neuen Markt aus: „Anders als damals kommen heute lebende Gesellschaften an die Börse, die nicht nur eine Geschäftsidee in der Schublade haben“, sagt der Banker. Mit den Solarfirmen präsentiere sich Investoren beinahe „die beste aller Welten“: Die Unternehmen hätten realistische Wachstumschancen, ihre Geschäftsmodelle seien erprobt, sie hätten Fabriken gebaut und Arbeitsplätze geschaffen. Selbst Internetfirmen, so Händler Chmielewski, seien wieder salonfähig.

Eine Garantie für steigende Aktienkurse ist freilich auch damit noch nicht gegeben. Experten raten Anlegern deshalb, trotz der kurzfristigen Gewinnchancen die langfristige Perspektive nicht aus dem Blick zu verlieren. „Wer auf einen schnellen Zeichnungsgewinn aus ist, sollte keine Aktien kaufen“, sagt Dilger. So zeigte sich etwa bei Ersol am ersten Handelstag, wie schnell die Börse heute Übertreibungen korrigiert – und Spekulanten auf dem falschen Fuß erwischt werden. Nach dem Sprung von 42 auf 65 Euro rutschte der Kurs binnen weniger Stunden auf 52,30 Euro ab. Anleger, die nicht schnell genug reagierten, büßten einen Großteil ihres Zeichnungsgewinns wieder ein.

„Anleger sollten sehr gut aufpassen, wie die Bewertung der Gesellschaft aussieht“, warnt Klaus Schneider, Vorsitzender des Vorstandes der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). So würden einige Solaraktien schon mit dem 25-fachen des geschätzten Jahresgewinns bewertet. Auch HCI beurteilt Schneider vorsichtig: „Da geht ein Schiffsfondsanbieter in der Hochphase des Booms an die Börse – dabei weiß niemand, wie es in dieser Branche weitergeht.“

Wie immer bei jungen Unternehmen ist die Frage der Bewertung allerdings ein Streitpunkt. Zeichnet sich ein rasantes und durch den bisherigen Geschäftsverlauf erklärbares Wachstum ab, darf die Bewertung durchaus höher ausfallen. Als Orientierung bietet sich das Verhältnis von Aktienkurs zum Gewinn an – das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) – oder die Relation von Wachstumsrate und KGV. Traut der Anleger einem Unternehmen ein Wachstum von jährlich 30 Prozent in den kommenden zwei bis drei Jahren zu, macht demnach auch ein KGV eine Aktie noch nicht teuer.

Ebenso wie eine niedrige Bewertung ist auch die Größe des Unternehmens nicht immer ein Garant für Kursgewinne. So notiert der Bezahlsender Premiere, der als Schwergewicht im März mit einem ersten Kurs von 30,50 Euro an die Börse ging, inzwischen bei gut 23 Euro. Am Ende zählt also – wie so oft an der Börse – neben guten Zahlen das Bauchgefühl der Anleger. „Nur wer glaubt, dass ein Überflieger auch dauerhaft abhebt, sollte für dessen Aktien Geld ausgeben“, sagt Commerzbank-Experte Dilger.

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