Internetportale für Kinder : Das Geschäft mit dem Spiel

Kinderspielseiten locken Kinder und Eltern damit, dass sie kostenlos sind. Doch die Kinder bezahlen mit ihren Daten und dienen der Wirtschaft als Werbeobjekte.

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Schon in der Schule sollen die Kleinen lernen, richtig mit dem Internet umzugehen, fordern Verbraucherschützer und Medienpädagogen. Studien haben ergeben, dass Kinder Computerspiele eher allein oder mit Freunden machen – Eltern sind nicht willkommen. Das Problem: Viele der vermeintlich kostenlosen Internetseiten haben ihre Tücken. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Schon in der Schule sollen die Kleinen lernen, richtig mit dem Internet umzugehen, fordern Verbraucherschützer und...

Lisa ist acht und spielt am liebsten Mädchenkram – Models anziehen, Muffins backen, schminken. Leo steht auf Autorennen, Hannah schießt gern Elfmeter. Fußballschuhe braucht sie dafür nicht. Auch Leo hat keinen Boliden daheim, und bei Lisa bleibt der Backofen kalt. Denn alle drei gehen ins Internet, um zu spielen. Damit sind sie nicht allein. Ein Drittel der Neun- bis Zehnjährigen surft täglich im Netz, hat eine europaweite Untersuchung des Forschungsverbunds „EU Kids online“ ergeben. Und eine weitere Studie des Branchenverbands Bitkom sagt, was sie dort tun: 62 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und zwölf Jahren nutzen das Netz für Online-Games.

Das Angebot an Spielseiten für Kinder ist groß. Doch Verbraucherschützer sehen viele dieser Portale kritisch. Sie bemängeln die aggressive Werbung, den mangelnden Datenschutz und Kaufangebote, bei denen die Kinder per SMS oder Anruf virtuelles Zubehör wie Waffen oder Dünger für ihre Spielfiguren anschaffen können – und dafür mit echten Euros bezahlen. 52 Kinderspielseiten im Internet hat der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) untersucht, in 17 Fällen hat der Verband Unterlassungsverfahren eingeleitet, darunter gegen so bekannte Portale wie toggo.de, nick.de, wasistwas.de und spielaffe.de.

Das Spielen selbst ist auf den Seiten – von wenigen Ausnahmen abgesehen – kostenlos. Umsatz machen die Anbieter vor allem mit der Werbung. Es gebe Betreiber, die nicht etwa deshalb Werbung schalten, um Spiele anbieten zu können, heißt es in einem Gutachten des VZBV, „sie bieten Spiele an, um Werbung schalten zu können.“ Nach Meinung der Verbraucherschützer verletzen die Portalanbieter dabei oft das rechtlich vorgeschriebene Trennungsgebot. Werbung und Spiele sehen sich so ähnlich, dass Kinder Mühe haben, eines vom anderen zu unterscheiden. Vor allem, wenn sie noch sehr jung sind. „Viele Grundschüler beginnen ihr Internetleben, ohne lesen und schreiben zu können“, weiß VZBV-Chef Gerd Billen. Aber selbst die, die lesen können, sind manchmal hilflos. Dann nämlich, wenn das Schließkreuz, um die Werbung wegzuklicken, gut versteckt ist oder sich die Pre-Roll-Werbung, die abläuft, während das Spiel geladen wird, gar nicht abschalten lässt.

Was die Kinder nicht wissen: Während sie spielen, werden Cookies installiert, die nicht nur den Portalbetreibern selbst, sondern auch Dritten, den Werbenetzwerken im Internet, Hinweise darauf geben, wie die Kinder die Portale nutzen. Damit können die Firmen, die für die Online-Werbung zuständig sind, die Werbung im Interesse ihrer Kunden künftig noch zielgenauer platzieren.

„Cookies und Tracker interessieren die Kinder nicht“, weiß Alexander Dix, der Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit. „Datenschutz ist uncool“. Viele Kids lassen sich daher schon mit kleinen Belohnungen locken, Daten von sich preiszugeben. „Die Seiten sind nicht kostenlos“, warnt Dix, „die Kinder bezahlen mit ihren Daten“. Auf den Portalen werden Gewinnspiele angeboten, bei denen die Kinder aufgefordert werden, ihren Namen, die Adresse und ihr Alter anzugeben. Das verstößt gegen den im Datenschutzrecht verankerten Grundsatz der Datenvermeidung und -sparsamkeit, monieren Verbraucher- und Datenschützer. Sie vermuten, dass die Adressen weiterverkauft werden.

Birgit Guth weist das zurück: „Wir geben die Daten nicht weiter“, beteuert die Leiterin des Bereichs Medienforschung bei der RTL Disney Fernsehen GmbH, die auch die Seite toggo.de betreibt. Bei den Gewinnspielen reiche es nicht, die E-Mail-Adresse abzufragen. „Die Kinder vertippen sich zu oft“, sagt Guth. Um die Gewinner identifizieren zu können, brauche man den Namen und die Adresse. Auch der Bitkom findet die Aufregung übertrieben: „Wer keine Werbung will“, meint Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder, „kann sie ganz einfach ausschalten“.

Informationen der Verbraucherzentralen finden Sie hier

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