Verbraucher : Kein Spaß ohne Risiko

Der Dax hat sich nach dem Einbruch rasant erholt – wer Verluste aushält, kann jetzt noch einsteigen

Henrik Mortsiefer

Der China-Crash war gestern. Die US-Immobilienkrise ist verdrängt. Steigende Zinsen im Euroraum? Möglich.

An den Aktienmärkten ist nach der scharfen Korrektur im März neue Gelassenheit eingekehrt. Ausgelöst vom Absturz der heiß gelaufenen Börse in Schanghai und der Schieflage des US-Immobilienfinanzierers New Century fiel der Dax im März bis auf 6450 Zähler. Von diesem Schock hat er sich erstaunlich schnell erholt. Die düsteren Prognosen der Pessimisten sind binnen fünf Wochen verklungen. Am Mittwoch schloss der Dax wieder bei rund 7074 Punkten. Ein Comeback. Grund genug für Anleger, rechtzeitig realisierte Gewinne wieder in Aktien zu investieren?

„Wir sind vorsichtig“, dämpft Thomas Grüner von der Landesbank Berlin die Kauflust. „Die Anleger stehen an einem Scheideweg.“ Hält sich der Dax kurzfristig über der Marke von 7040, sieht Grüner die deutschen Blue Chips mit einem „starken Widerstand“ gegen eine weitere Verkaufswelle geschützt. Pendeln die Kurse hingegen in den kommenden Tagen und Wochen um 7000 Punkte, wächst nach seiner Einschätzung die Gefahr eines zweiten Einbruchs. Bis zu 600 Punkte könne es dann abwärts gehen, warnt der Stratege.

Die Skepsis des Profis wird von vielen Experten geteilt. So recht mag kaum jemand der schnellen Aufholjagd des Dax trauen. Denn die alten Risiken, die die Anleger im März vertrieben, sind geblieben.

RISIKEN

Ein Blick auf den Dow-Jones-Index verrät, dass sich der US-Aktienmarkt deutlich langsamer erholt hat als der deutsche. Ein Indiz dafür, dass die Stimmung hierzulande besser ist, als die Lage rechtfertigt. „Die Stimmung treibt die Kurse. Das kann sich sehr schnell ändern“, warnt Winfried Walter, Vorstand der Albrech-&-Cie-Vermögensverwaltung. Die Pleite von New Century und die Schockwellen für den Finanzsektor seien „Anhaltspunkte dafür, dass es langsam heiß wird“. Die Sorge ist nicht gewichen, dass nicht nur der US-Immobilienmarkt kollabieren könnte, sondern auch die gesamte amerikanische Wirtschaft stärker gebremst wird als erwartet. Die aktuell am Markt wieder zu hörende Ansicht, dass sich das boomende Europa einem solchen Szenario entziehen könnte, halten die Profis für gefährlich. „Von einem Einbruch in Amerika würden sich auch die europäischen Börsen natürlich beeindrucken lassen“, sagt Thomas Grüner. Hinzu kommt die nach wie vor unsichere geopolitische Lage im Nahen Osten. Der wieder steigende Ölpreis zeigt, dass die Märkte unruhig geblieben sind.

Und die sprudelnden Unternehmensgewinne? „Warten wir die in einer Woche beginnende Berichtssaison für das erste Quartal 2007 ab“, empfiehlt Vermögensberater Walter. Die überdurchschnittliche Dynamik, mit der die Gewinne der Unternehmen im vergangenen Jahr gestiegen seien, lasse sich schwer fortsetzen. Als Beispiele nennt Walter BASF und die Deutsche Bank, die „anfällig“ seien für Rückschläge.

Um diese verkraften zu können, rät Walter Anlegern, Stopp-loss-Kurse zu setzen, bei denen Aktien und Fonds automatisch bei fallenden Kursen verkauft werden. Wer, wie die Mehrheit der Profis, mit stark schwankenden Kursen rechne, sei mit Discount-Zertifikaten gut bedient. Walter: „Damit lässt sich auch in seitwärts laufenden Märkten Geld verdienen.“ Erfahrenere Anleger sichern ihr Aktiendepot zusätzlich mit Put-Optionen ab. Insgesamt sei das Risiko für Abstürze aber gestiegen, glaubt Walter. Anleger, die in den vergangenen vier Jahren mit Verlusten von zehn Prozent leben konnten, müssten jetzt 20 Prozent aushalten können. „Ein Segelschiff muss auch so präpariert sein, dass jederzeit ein Sturm aufkommen kann.“

CHANCEN

Je größer die Risiken, desto größer möglicherweise der Spaß. So gibt es eine Reihe großer Investoren, die auf weiter steigende Kurse setzt – auch in den USA. Dort hat zwar unlängst Notenbankchef Ben Bernanke vor einem Dämpfer für die US-Konjunktur gewarnt. Zugleich nährt die Fed damit aber die Erwartung sinkender Zinsen. „Derzeit preisen die Märkte eine Zinssenkung um mindestens 25 Basispunkte bis August ein“, sagt Karsten Stroh, Leiter des Aktienteams bei JP Morgan Asset Management. „Dieses Umfeld sollte US-Aktien zugutekommen.“

Entspannt verweisen die Optimisten auch auf den Umstand, dass weder Dax noch Dow Jones in der Korrekturphase unter ihre Durchschnittskurse der vergangenen 200 Tage gefallen sind (siehe Grafiken). Das spricht für einen intakten Aufwärtstrend. „Das Wirtschaftswachstum ist nach wie vor stark – zahlreiche Geschäftsklimaindizes, die in jüngster Zeit veröffentlicht wurden, lassen eine weitere Expansion erwarten“, glaubt auch die US-Fondsgesellschaft Fidelity. Zumal für die deutsche Wirtschaft sind die Wachstumsaussichten zuletzt sogar besser geworden. Die DZ Bank warnt zwar vor kurzfristigen Gewinnmitnahmen, bleibt aber auf Sicht von einem Jahr optimistisch. Der deutsche Aktienmarkt wird als attraktiv eingeschätzt, den Dax sehen die Experten in zwölf Monaten bei 7500 Punkten – was von heute an gerechnet immerhin einem Gewinn von sieben Prozent entspräche.

Gabriele Langfermann von der Zeitschrift „Finanztest“ empfiehlt Anlegern, die auf Aktien setzen wollen, aber zugleich einen Risikopuffer wünschen, ein Garantiedepot Marke Eigenbau (www.finanztest.de/anlagestrategien). Es besteht – abhängig von der Anlagedauer und dem gewünschten Risiko – aus einem festverzinslichen Teil und einem Aktien(fonds)teil. Unabhängig von der Höhe des Einsatzes garantiert ein entsprechend strukturiertes Portfolio den Erhalt des ursprünglich investierten Geldes. „Das ist preiswerter als Garantiefonds, deren Rendite häufig zu wünschen übrig lässt – auch wegen der oft hohen Kosten“, sagt die Expertin.

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