Kinderwagen : Rollendes Risiko

Viele Kinderwagen sind laut Stiftung Warentest schadstoffbelastet. Bei Puppenwagen ist das verboten

Jahel Mielke

Berlin - Die Kinderwagen namhafter Hersteller sind nach einer Untersuchung der Stiftung Warentest mit zum Teil gefährlichen Schadstoffen belastet. Betroffen sind unter anderem die Unternehmen Bugaboo, Brio, Hauck und Dorel. Bei insgesamt 14 Kinderwagen-Modellen fanden die Tester schädliche Substanzen. Insgesamt war kein Wagen schadstofffrei.

Untersucht wurden Griffe, Gurte und Bezüge, weil diese häufig in Kontakt mit der Haut gelangen. Gefunden wurden dabei unter anderem problematische Weichmacher, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Flammschutzmittel und Formaldehyd. Unmittelbar gesundheitsschädlich sind diese Stoffe laut Stiftung zwar nicht; bei längerer Einwirkung können sie aber gefährlich werden. Weichmacher etwa können sich durch Speichel und Schweiß lösen und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Viele PAK können Krebs erzeugen und das Erbgut schädigen. Schadstoffgrenzen für Kinderwagen gibt es bislang aber nicht. Die Warentester legten für Ihre Untersuchung deshalb europäische Regelungen für Spielzeug zugrunde. Diese verbieten etwa kritische Weichmacher, die auch in den Kinderwagen gefunden wurden.

„Wir haben die paradoxe Situation, dass der Schadstoffgehalt von Puppenwagen strenger geregelt ist als der für Wagen, in denen Kinder selbst sitzen“, sagte Holger Brackemann, der für Untersuchungen der Sitftung Warentest zuständige Bereichsleiter, am Donnerstag in Berlin. Grundsätzlich sollten die Regelungen für Kinderwagen nicht andere sein als die für Spielzeug. Auch die Verbaucherzentrale Berlin forderte: „Wir brauchen eine klare Schadstoffnorm für alle Produkte, mit denen Kinder zu tun haben.“

Das Bundesverbraucherschutzministerium sagte zu, die bei dem Warentest erhobenen Daten zu prüfen. „Erst dann können wir schauen, was veranlasst werden muss, um den Verbraucher zu schützen“, sagte eine Sprecherin.

Bereits 2006 hatte die Stiftung Warentest problematische Weichmacher und PAK in Buggys festgestellt. Die Produkte von ABC Design, Bugaboo, Hauck und Herlag wiesen auch vor drei Jahren hohe Schadstoffwerte auf. Laut Stiftung Warentest können Verbraucher, die einen schadstoffbelasteten Kinderwagen besitzen, aber nicht auf Umtausch hoffen. „Die Produkte verstoßen nicht gegen geltendes Recht und sind somit verkehrsfähig“, sagte Brackemann. Den Verbrauchern empfehle man, auf dem Kulanzwege einen Austausch belasteter Bauteile zu erreichen. Die Experten raten auch, die abnehmbaren Bezüge der Kinderwagen vor der ersten Nutzung zu waschen, um die Schadstoffbelastung etwas zu verringern.

In der EU ist die Verwendung von sechs Weichmachern (Phthalate) für Spielzeug und Babyartikel laut Stiftung Warentest verboten. Einen hohen Gehalt eines dieser Stoffe fanden die Warentester bei einem Kinderwagen der Marke Gesslein. In den Schiebegriffen von vier Kinderwagen fanden sich überdies hohe Mengen von Chlorparaffinen, die als Weichmacher und Flammschutzmittel eingesetzt werden. Der Schadstoff kann Säuglinge über die Muttermilch schädigen. Zudem wird eine krebserzeugende Wirkung vermutet. Phosphororganische Verbindungen, die ebenfalls als Weichmacher verwendet werden, fanden sich im Kinderwagen der Marke Maxi-Cosi des Herstellers Dorel. Der Schadstoff ist in Textilmaterial von Spielzeug für Kinder unter drei Jahren verboten. Dorel will die Ergebnisse nach Aussage von Geschäftsführer Michael Neumann nun prüfen. „Wir nehmen das sehr ernst.“

Sechs getestete Kinderwagen waren im Sitzbereich mit PAK belastet, unter anderem das Modell von Brio. Entspricht der Schadstoffgehalt dem ermittelten Wert der Stiftung Warentest, will der Hersteller entsprechend handeln. Brio-Geschäftsführer Christian Alsbaek verwies jedoch auf die Rechtslage: „Wir betonen, dass PAK nicht zu den Stoffen gehören, die zur Herstellung von Kinderspielwaren in der EU explizit ausgeschlossen sind.“ Für Spielzeuge gelten nur Höchstgrenzen im Rahmen der Zertifizierung zur geprüften Sicherheit (GS). Das deutsche Prüfsiegel ist jedoch freiwillig.

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