Krankenkassen : Ein teures Gut

Vom kommenden Jahr an müssen fast alle Kassenpatienten mehr zahlen – lohnt sich der Wechsel noch?

Carsten Brönstrup

In den Verwaltungsbüros der deutschen Krankenkassen brennt seit ein paar Tagen das Licht abends etwas länger. Über die Bildschirme huschen scheinbar unendliche Kolonnen aus Daten und Zahlen, die Zeit drängt. Es ist die Stunde der Computerspezialisten, der Rechenfreaks, der Softwarekünstler: Sie überschlagen, ob ihr Arbeitgeber mit dem neuen, einheitlichen Beitragssatz ab Januar auskommen wird - oder ob die Kasse ihren Versicherten einen Zuschlag wird abknöpfen müssen.

DIE BEITRÄGE STEIGEN

Im deutschen Gesundheitssystem bleibt derzeit kein Stein auf dem anderen. Die Vorbereitungen für den Gesundheitsfonds, das umstrittene Reformprojekt der rot-schwarzen Regierungskoalition, laufen auf Hochtouren. Am deutlichsten werden die 70 Millionen gesetzlich Versicherten im Geldbeutel spüren, dass eine neue Zeit angebrochen ist: 90 Prozent von ihnen müssen sich auf einen höheren Beitragssatz einstellen.

15,5 PROZENT - MINDESTENS

Heute liegt die billigste Kasse bei 13 Prozent, die teuerste bei etwa 16,5, der Schnitt beträgt 14,92 Prozent. In Zukunft gibt es einen bundesweit einheitlichen Beitrag, alle müssen mindestens 15,5 Prozent vom Bruttolohn für die Gesundheit abzwacken. Bei einem Bruttomonatsverdienst von 3600 Euro sind so immerhin fast 130 Euro im Jahr mehr fällig. Über die genaue Höhe des Satzes, der ab dem kommenden Jahr gelten wird, wird das Bundeskabinett an diesem Dienstag entscheiden. Das ist aber nicht alles. "Der Markt wird sich spürbar verändern", prophezeit Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (VZBV).

BILLIGKASSEN UNTER DRUCK

Dies gilt vor allem für die Krankenkassen. Bislang war im Vorteil, wer viele junge, gut verdienende Kunden in der Kartei hatte, die vergleichsweise geringe Ausgaben für Arzneien, Ärzte und Verwaltung verursachten. Entsprechend niedrig konnten sie die Beiträge ansetzen - und den Versicherten genügte oft ein Service, der allein per Telefon oder Internet lief und auf teure Geschäftsstellen verzichtete. Die Armen und Kranken blieben dagegen bei der AOK, der Barmer oder der DAK, weil ihnen ein Wechsel kaum Vorteile brachte. Das wird nun anders.

LEISTUNG STATT PREIS

"In Zukunft wird der Wettbewerb nicht mehr über den Preis, sondern über die Leistung entschieden", erklärt Matthias Schönermark, ein auf Krankenkassen spezialisierter Unternehmensberater. Erfolgreich werden die Kassen sein, die maßgeschneiderte Wahltarife anbieten, gute Ärzte und Krankenhäuser an sich binden, neue Arten der Versorgung testen und durch guten Service von sich reden machen. "Für die Versicherten bedeutet das auf jeden Fall in der Summe mehr Auswahl und Qualität", analysiert Karsten Neumann, Gesundheitsexperte und Prinzipal bei der Unternehmensberatung Roland Berger.

KASSEN GEHEN ZUSAMMEN

Mehr Wahlfreiheit, das kennen die Versicherten bereits seit ein paar Jahren. Jetzt kommen zusätzlich die Strukturen der Kassen in Bewegung - durch Fusionen. Die Techniker Krankenkasse kündigte bereits ihren Zusammenschluss mit der IKK Direkt ab dem kommenden Jahr an, die Kaufmännische Krankenkasse KKH geht mit der Betriebskrankenkasse der Allianz zusammen. Genau dies hatten die Fachleute von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) im Sinn, als sie den Fonds konzipierten. Weniger und dafür größere Kassen sollen effizienter arbeiten, hoffen sie. "Statt mehr als 200 Krankenkassen wird es in ein paar Jahren nur noch 50 bis 100 geben", glaubt VZBV-Fachmann Etgeton.

Das hat zwei Ursachen. Der Finanzausgleich unter den Kassen wird ab 2009 neu geregelt, so dass eine Kasse Ausgleichszahlungen bekommt, wenn sie besonders viele Kranke in ihrer Kartei hat. Damit schwindet der Vorteil der kleinen Billigkassen mit ihren vielen gesunden Mitgliedern.

Außerdem können die Großen dank ihrer Marktmacht Rabatte mit der Pharmaindustrie oder bestimmten Apotheken vereinbaren - das war bislang nur in engen Grenzen erlaubt. "Die Ära der Billig- und Internet-Krankenkassen ist vorüber", urteilt Berater Schönermark. Er rechnet mit weiteren Fusionen in den kommenden Monaten. Wer nicht handelt, könnte eingehen - seit Neuestem droht den Kassen auch die Insolvenz.

DARF ES ETWAS MEHR SEIN?

Außerdem kommt beim Krankenkassenbeitrag ein neuer Betrag ins Spiel - der sogenannte Zusatzbeitrag. Kassen, die ab dem nächsten Jahr nicht mit dem Geld auskommen, das ihnen der Gesundheitsfonds überweist, können damit ihre Lücke schließen und den Versicherten bis zu ein Prozent ihres Bruttolohns extra abknöpfen. Vorerst dürften aber nur wenige davon Gebrauch machen, erwarten Experten. "Ich glaube nicht, dass angesichts der Bundestagswahl viele Kassen einen Zusatzbeitrag erheben werden", sagt Schönermark. "Die Angst davor ist groß", weiß auch Verbraucherschützer Etgeton.

WECHSELWELLE

Etgeton prognostiziert eine Welle von Wechslern, sobald eine Kasse einen Zusatzbeitrag erhebt. Denn die Versicherten haben für diesen Fall ein Sonderkündigungsrecht (siehe Kasten). Spätestens 2010 dürften sich erhebliche Verschiebungen hin zu den günstigen Instituten ergeben. "Das macht die Sache für den Versicherten recht bequem", freut sich Etgeton.

WENIGER IST ERLAUBT

Umgekehrt können Institute den Versicherten auch Geld zurückerstatten, wenn sie Überschüsse in der Kasse haben. Aber auch das hält Schönermark für unwahrscheinlich - eher würden die Rücklagen für schlechte Zeiten gestärkt oder in neue Angebote investiert. Welche Kassen für Zusatzbeiträge oder für Rabatte in Frage kommen, weiß derzeit ohnehin niemand - noch laufen die Berechnungen.

WETTBEWERB WIRD SCHÄRFER

All das bringt einen "wesentlich schärferen Wettbewerb der Kassen", freut sich Roland-Berger-Fachmann Neumann. Der Druck auf die Kosten werde steigen. Deshalb sollten Verbraucher zunächst am besten abwarten, rät er. "Jetzt noch schnell im alten Jahr in die billigste Kasse zu wechseln, bringt überhaupt nichts". Wer nach dem Start des Fonds einen neuen Anbieter sucht, sollte Ausschau halten nach Anbietern mit dem passgenauesten Angebot. Berater Schönermark weiß, dass das nicht einfach sein kann. "Für die Bürger dürfte es schwieriger werden, den Überblick über die vielen Angebote und Tarife zu behalten", sagte er. "Eine Art Krankenkassen-Tüv, der die verschiedenen Angebote prüft und bewertet, wäre daher sicherlich sinnvoll."

Am kommenden Montag lesen Sie, welche Veränderungen auf privat Versicherte zukommen.

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