Lebensmittel : Aldi-Schock löst Preislawine aus

Nach den jüngsten Preiserhöhungen bei Aldi ziehen die übrigen Lebensmittelhändler nach. Viele Verbraucher sind besorgt. Supermärkte und Hersteller beschuldigen sich gegenseitig.

Gregor Claudius[AFP]
Aldi
Vorreiter. Die Aldi-Gruppe bestimmt traditionell die Preise. -Foto: ddp

Berlin Der zweitgrößte deutsche Lebensmittelhändler Rewe kündigte heute ebenfalls steigende Preise an. Wie bei Aldi sollen in den Rewe-Filialen zunächst rund 50 Produkte teurer werden, kündigte ein Sprecher des Unternehmens an. "Die anderen Händler werden nachziehen", sagt Wolfgang Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Experten erwarten, dass die Preise für Käse, Quark, Backwaren, Wurst und Tiefkühlprodukte kräftig anziehen.

Stein des Anstoßes ist Aldi. Mit seinen Billig-Angeboten bestimmt der Discounter traditionell die Preise. Einem Bericht der "Lebensmittel-Zeitung" zufolge hat Aldi in dieser Woche die Preise für rund 50 Produkte verteuert. Insgesamt könnten es bis zu 380 Artikel werden. Hauptgrund sind demnach um bis zu 60 Prozent höhere Rohstoffpreise. Aldi beteuerte dem Blatt zufolge, an den höheren Preisen nichts zu verdienen. Erstmals hatte Aldi die höheren Preise per Anzeigen in Tageszeitungen angekündigt und begründet. Die Fillialleiter sollen gezielt auf den Umgang mit kritischen Kundenfragen vorbereitet worden sein.

"Es wird in den nächsten Tagen im Dicount-Segment zu Preiserhöhungen kommen", sagt Rewe-Sprecher Andreas Krämer. Dieser Schritt lasse sich wegen der gestiegenen Kosten nicht verhindern. Höhere Profite für den Handel schloss er aus: "Der Wettbewerb ist sehr vital und verhindert, dass jemand Kasse macht."

"Konzertierte Aktion"

Andere Lebensmittelanbieter haben mit den Preiserhöhungen offenbar schon begonnen. Nach Angaben des Internet-Portals preiszeiger.de verteuerten Lidl und Plus am Donnerstag beispielsweise die 400-Gramm-Packung "Gouda in Scheiben" um 37,7 Prozent. Zwei Tage zuvor hatte Aldi den Preis für den beliebten Käse um genau denselben Prozentsatz angehoben. "Das ist eine Art konzertierte Aktion, der die Verbraucher nicht entgehen können", erklärt GfK-Experte Twardawa.

Die Verbraucher sind über diese Entwicklung besorgt. "Bei den Verbrauchern gibt es einen großen Aufschrei, viele Menschen werfen den Lebensmittelketten Wucher vor", sagt Jutta Jaksche, Ernährungsexpertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). In den vergangenen Tagen seien weit mehr Anfragen bei den Zentralen eingegangen als sonst. "Viele Menschen fühlen sich abhängig von den Konzernen", sagt sie. Hersteller und Handel müssten mehr Transparenz schaffen. Bisher seien die meisten Preiserhöhungen nicht überprüfbar.

Die Sprecherin des größten deutschen Lebensmittelhändlers Edeka, Marliese Kalthoff, gibt den Herstellern eine Mitschuld an der Entwicklung. "Es gibt Unternehmen, die jetzt Morgenluft wittern, um die Preise zu erhöhen", sagte sie. Ihr Konzern werde in den kommenden Wochen mit den Lieferanten hart über die neuen Preise verhandeln. Massive Preiserhöhungen soll es bei Edeka vorerst nicht geben. "Jetzt von flächendeckenden Preiserhöhungen zu sprechen ist überhaupt nicht zu rechtfertigen", sagte Kalthoff.

Industrie: Preiserhöhung war dringend nötig

Nach Auffassung der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) sind die Preiserhöhungen jedoch dringend nötig gewesen. "Mann kann davon ausgehen, dass Aldi das nicht aus Jux und Dallerei gemacht hat, die wollen weiter Preisführer sein", sagt BVE-Geschäftsführerin Sabine Eichner. Den Preistreiberei-Vorwurf der Supermärkte weist sie zurück. Vielmehr setze der Handel die Hersteller unter Druck, möglichst billig zu liefern.

GFK-Experte Wolfgang Twardawa sieht die Entwicklung eher gelassen. "Wir haben bisher unter einer Glasglocke gelebt, nirgends in Europa sind Lebensmittel günstiger", erklärt er. "So eine Fehlentwicklung kann auf Dauer nicht sein."

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