Lebensmittel : Genen auf der Spur

Schokoriegel, Sojaöl oder Wattestäbchen: Gentechnisch veränderte Produkte können uns im Alltag begegnen.

David C. Lerch

Düsseldorf - Mais – nein. Kartoffeln – ja. So lauten die jüngsten Entscheidungen der Bundesregierung in Sachen Gentechnik. Den Anbau von gentechnisch verändertem Mais der Sorte „Mon 810“ des US-Konzerns Monsanto hat Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) wegen möglicher Gefahren für die Umwelt verboten. Dem von BASF anvisierten Anbau der Gen-Kartoffel „Amflora“ hat sie dagegen zugestimmt. Das Ministerium argumentiert in beiden Fällen mit wissenschaftlichen Studien, doch der Streit um die Gentechnik scheint eher eine politische Diskussion zu sein. Für hiesige Landwirte und Lebensmittelkonzerne gehört Gentechnik längst zum Alltag. Der Tagesspiegel erklärt, wie Verbraucher davon betroffen sind.

Wo steckt bereits Gentechnik drin?

Schokoriegel mit Erdnusskrokant – klingt lecker. Dennoch nahm der Schweizer Konzern Nestlé den „Butterfinger“ 1999 aus den Supermarktregalen. Der Grund: Die Süßigkeit enthielt Zucker aus Genmais. Die meisten Kunden in Deutschland lehnten damals Gentechnik in Nahrungsmitteln ab. Das hat sich seitdem nicht geändert. „Eine deutliche Mehrheit der Verbraucher will keine gentechnisch veränderten Lebensmittel“, sagt Jutta Jaksche, Agrarexpertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Daher passe der Handel auf, dass er diese Lebensmittel vermeidet.

Das bestätigt das Informationsportal „Transgen“. „Keine Pflanze, die roh oder zubereitet als Lebensmittel verzehrt wird, gibt es bisher in gentechnisch veränderter Form zu kaufen“, heißt es auf der Internetseite des Portals, das von Ministerien, Gewerkschaften und Firmen finanziert wird.

Doch das bedeutet nicht, dass das uns bekannte Sortiment nie mit Gentechnik in Kontakt kommt. Da ist zunächst das Futter, mit dem etwa Kühe und Schweine auf deutschen Bauernhöfen versorgt werden. Verbraucherschützerin Jaksche zufolge wird das in Deutschland verwendete Mastfutter überwiegend auf der Grundlage von importiertem Soja hergestellt, das in den Herkunftsländern gentechnisch verändert wurde.

Dazu kommen Nahrungszusatzstoffe und Enzyme – beides elementare Bausteine der Lebensmittelindustrie – sowie medizinische Wirkstoffe. Um sie herzustellen, verwenden Chemiker gentechnisch veränderte Organismen (GVO). Bestimmte Vitamine zum Beispiel werden inzwischen ausschließlich mit solchen Stoffen produziert. Das gilt in ähnlicher Form auch für Enzyme, die bei vielen alltäglichen Prozessen, etwa bei der Herstellung von Käse, eingesetzt werden. Doch: Weder in den Vitaminen oder Enzymen noch in den mit ihrer Hilfe hergestellten Lebensmitteln verbleiben Überreste der GVO.

Den meisten Kontakt mit gentechnisch veränderten Produkten pflegt der durchschnittliche Verbraucher aber nicht über seine Ernährung, sondern über die Baumwolle in der Kleidung oder auch in Handtüchern. Etwa ein Drittel der Naturfasern für Heim- und Bekleidungstextilien ist aus Baumwolle. Aber auch an Wattestäbchen fürs Badezimmer finden sich Baumwollfasern. Das Gros der Baumwolle wird in Asien angebaut und stammt aus gentechnisch verändertem Saatgut.

Was muss gekennzeichnet sein?

Bereits seit 1997 und in der heutigen Form seit 2004 ist die Kennzeichnung von genetisch veränderten Lebensmitteln europaweit vorgeschrieben, unabhängig davon, wie viel Gentechnik die nationalen Regierungen zulassen. Bei den Zutaten eines Produktes muss klar ausgewiesen sein, wenn ein Lebensmittel oder einzelne Bestandteile GVO enthalten oder damit hergestellt wurden. Das gilt auch, wenn die verwendeten Organismen im endgültigen Lebensmittel nicht mehr nachweisbar sind. Etwa im Sojaöl, das aus biologischen oder gentechnisch veränderten Bohnen stammen kann.

Bei Futtermitteln muss der EU zufolge nicht angegeben werden, ob sie gentechnisch verändert sind. Um eine klare Unterscheidung zu ermöglichen, entwickelte die große Koalition im Mai 2008 das Etikett „ohne Gentechnik“. Wer damit etwa auf der Milchtüte wirbt, garantiert, dass die Kuh, von der die Milch stammt, kein Futter aus gentechnisch veränderten Pflanzen bekommen hat. „Dadurch kann der Verbraucher bewusster entscheiden und auch gezielt einen Markt für Futtermittel ohne Gentechnik schaffen“, sagt Verbraucherschützerin Jaksche. Bisher haben die Hersteller von dem neuen Gütesiegel wenig Gebrauch gemacht, aber das wird sich Jaksche zufolge ändern: Eine aktuelle Umfrage von Forsa habe das große Interesse der Verbraucher an gentechnikfreien Produkten bestätigt.

Bei Rohstoffen wie Soja wird bislang eine Beimischung von bis zu 0,9 Prozent GVO toleriert – allerdings nur, wenn dies zufällig erfolgt ist und nicht vermeidbar war, etwa durch ungünstigen Wind auf den Feldern oder nachweislich falsche Angaben von Rohstofflieferanten.

Für die Kontrolle der Lebensmittel sind die entsprechenden Behörden der Bundesländer zuständig. Das Landeslabor Berlin-Brandenburg prüfte in den vergangenen zwei Jahren rund 600 Lebensmittel- und knapp 100 Futtermittelproben. Vier Mal lag der Wert deutlich höher als erlaubt.



Wie gefährlich ist Gentechnik?

Grundsätzlich gilt, dass alle GVO, die in Produkten auftauchen, vorher geprüft und zugelassen wurden. Über die Gefahren für den Menschen gibt es bisher zahlreiche Studien, aber keine gesicherte Erkenntnis. Das zeigt auch die Diskussion um den Genmais von Monsanto. Kritiker sehen in der Futterpflanze ein Risiko für den Konsumenten tierischer Lebensmittel. Eine Studie der TU München widerlegt diese Sicht. Auf Beschluss der EU sollen die Risiken der Gentechnik künftig noch intensiver untersucht werden.

Bietet Gentechnik auch Vorteile?

Gentechnik in Lebensmitteln bringt Jutta Jaksche zufolge für Verbraucher keinen Nutzen. Stattdessen koste die aufwendige Kontrolle den Staat und die Lebensmittelfirmen viel Geld.

Einer der Vorteile von GVO für Bauern ist die Resistenz gegen Schädlinge. Dadurch müssen sie weniger Insektizide spritzen und die Umwelt wird weniger Insektiziden ausgesetzt. Einen Fortschritt bietet auch gentechnisch hergestelltes Insulin für Diabetiker. Früher verwendete man oft unverträgliches Insulin von Tieren. Heute liefert die Gentechnik das passende menschliche Hormon.

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