Leseraktion : "Für mich lohnt sich die Rente nicht"

Meinungen und Fragen der Tagesspiegel-Leser – und was die Chefs der Deutschen Rentenversicherung dazu sagen.

Rente
Am 1. Juli steigen die Renten um 1,1 Prozent. -Foto: Keystone

Am Dienstag werden die Renten erhöht – um 1,1 Prozent. Viele Senioren finden die Anpassung zu mager, viele junge Menschen halten die Erhöhung für unnötig. „Was meinen Sie?“, haben wir unsere Leser gefragt. Und wir haben Sie gebeten, den Chefs der Deutschen Rentenversicherung Ihre Meinung zu sagen. Hier ein Überblick über die Kommentare und Fragen der Tagesspiegel-Leser und die Antworten, die Herbert Rische und Christian Zahn von der Deutschen Rentenversicherung Bund gegeben haben.

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Mit der Aprilrente zahlen wir Rentner bereits 0,3 Prozent mehr für die Krankenkasse. Ab Juli werden auch noch 0,25 Prozent mehr Pflegeversicherung fällig, in der Summe erhöhen sich die Abzüge damit um 0,55 Prozent. Die Rentenerhöhung zum 1. Juli beträgt daher keinesfalls 1,1 Prozent, wie es immer heißt, sondern lediglich 0,55 Prozent. Wo bleibt der Inflationsausgleich für Rentner?

Rische: Erwerbstätige und Rentner sind von den Belastungen, die Sie ansprechen, in ähnlicher Weise betroffen. Auch bei den Beschäftigten fällt der Anstieg des verfügbaren Einkommens durch die höheren Beiträge geringer aus als der Bruttolohnanstieg. Und was den Inflationsausgleich anbelangt, gilt ebenfalls, dass die Rentner letztlich nicht anders gestellt sind als die Arbeitnehmer, für die auch nicht gesichert ist, dass die Lohnerhöhungen die Preissteigerungen ausgleichen. Die vergleichbare Behandlung von Beschäftigten und Rentnern scheint grundsätzlich auch gerechtfertigt, da die Arbeitnehmer mit ihren Beiträgen letztlich die Renten finanzieren. Um aber auch die Rentnerinnen und Rentner zumindest in gewissen Umfang am gegenwärtigen Wirtschaftsaufschwung teilhaben zu lassen, hat die Bundesregierung die Entscheidung getroffen, die Wirkung des Riester-Faktors, der die Rentenanpassung dämpft, zu verschieben. Ohne diese Entscheidung wäre die Rentenanpassung noch um etwa 0,5 Prozentpunkte niedriger ausgefallen.

Durch den Riester- Faktor sollen ja die Rentenanpassungen gedämpft werden. Ich habe aber keine Riester-Rente. Können Sie mir bitte erläutern, was der Riester-Faktor in unserer Rentenberechnung zu suchen hat?

Rische: Die jährliche Rentenanpassung orientiert sich an der Entwicklung der Löhne und Gehälter. Dabei werden die Aufwendungen der Arbeitnehmer für ihre Alterssicherung berücksichtigt, weil diese Aufwendungen die verfügbaren Einkommen der Arbeitnehmer verringern. Wenn etwa der Beitragssatz der gesetzlichen Rentenversicherung steigt und den Arbeitnehmern von der Bruttolohnsteigerung daher weniger verbleibt, soll auch die Rente entsprechend geringer steigen. Durch den Riester-Faktor wird berücksichtigt, dass die Aufwendungen der Arbeitnehmer für die private zusätzliche Altersvorsorge steigen, denn auch dadurch verringert sich deren verfügbares Einkommen.

Wie beteiligen sich Beamte solidarisch an den Renten für die neuen Bundesbürger?

Rische: Auch Beamte zahlen Steuern und finanzieren so den Bundeszuschuss zur Rentenversicherung, der als Ausgleich für jene Rentenansprüche dient, die nicht durch Beitragszahlungen der Versicherten entstanden sind. Zur Finanzierung der durch Beitragszahlungen erworbenen Rentenansprüche tragen die Beamten allerdings nichts bei, da sie nicht in der Rentenversicherung versichert sind und demzufolge weder Rentenversicherungsbeiträge zahlen noch Rentenansprüche erwerben.

Wer früher in Rente geht, hat einen Abschlag auf seine Rente hinzunehmen. Werden Kürzungen bei der Rentenversicherung auf die Beamten übertragen?

Zahn: Es ist der politische Wille aller Parteien, die Einschnitte in der gesetzlichen Rentenversicherung auch bei der Beamtenversorgung zu vollziehen. Auch in der Beamtenversorgung wurde deshalb das Leistungsniveau zurückgefahren, und Beamte werden bis zu ihrer Pensionierung – in gleicher Weise wie sozialversicherungspflichtig Beschäftigte – länger arbeiten müssen.

Müssen sich, wenn die Rente nicht reicht, die Kinder beteiligen?

Zahn: Wenn Ihre Einkünfte im Alter oder bei dauerhafter Invalidität für den Lebensunterhalt nicht ausreichen, können Sie Grundsicherung beantragen. Anders als früher bei der Sozialhilfe wird bei der Grundsicherung aber nicht auf das Einkommen Ihrer Kinder zurückgegriffen – es sei denn, das Einkommen eines Ihrer Kinder beträgt 100 000 Euro oder mehr im Jahr.

Der Bund pumpt Milliarden in die Rentenkassen. Was passiert eigentlich damit?

Rische: Der Bund beteiligt sich an der Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung unter anderem deshalb, weil nach unserem Rentenrecht in bestimmten Fällen auch Rentenansprüche entstehen, ohne dass die Versicherten dafür Beiträge gezahlt hätten. So werden etwa bei Versicherten, die vor Erreichen des Rentenalters erwerbsunfähig werden, zusätzliche beitragsfreie Versicherungsjahre („Zurechnungszeiten“) anerkannt, weil der Rente wegen der frühen Erwerbsunfähigkeit des Versicherten sonst nur sehr wenige Beitragsjahre zugrunde liegen würden. Der Bundeszuschuss zur Rentenversicherung soll die Ausgaben für diese und ähnliche Leistungen ausgleichen. Außerdem zahlt der Bund beispielsweise Beiträge für die Anrechnung von Kindererziehungszeiten.

Warum braucht die Deutsche Rentenversicherung einen Präsidenten und einen Vorstandsvorsitzenden? Könnte man hier nicht Kosten sparen?

Zahn: Als Vorstandsvorsitzender bin ich Mitglied der Selbstverwaltung der Rentenversicherung und nehme dieses Amt ehrenamtlich wahr. Die Selbstverwaltung steigert die Effektivität der Verwaltung, weil der Sachverstand aus anderen gesellschaftlichen Bereichen eingebunden wird. Neben dem ehrenamtlich tätigen Vorstand hat die Deutsche Rentenversicherung eine hauptamtliche Geschäftsführung, die für die laufenden Verwaltungsgeschäfte zuständig ist. Selbstverwaltung und Geschäftsführung sind unterschiedliche Aufgaben zugeordnet, so dass keine Parallelität im Sinne von „zwei Chefs“ besteht. Ich möchte zudem darauf hinweisen, dass die Verwaltungskosten in der Rentenversicherung äußerst niedrig sind. Die Rentenversicherung wendet insgesamt nur 1,5 Prozent des Haushaltsvolumens für Verwaltungskosten auf und arbeitet daran, die Verwaltungskosten noch weiter zu verringern.

Ich und viele aus meinem Bekanntenkreis fragen sich zunehmend, lohnt sich eigentlich die gesetzliche Rentenversicherung noch? Zahle ich nicht deutlich mehr ein als ich später erhalte? Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass das voll zutrifft.

Zahn: Ob jemand im Einzelfall mehr aus der Rentenversicherung ausgezahlt bekommt als er eingezahlt hat, kann man erst errechnen, wenn er und gegebenenfalls seine Hinterbliebenen verstorben und somit die Rentenzahlungen abgeschlossen sind. Alle seriösen Berechnungen – von der Rentenversicherung selbst, aber auch etwa vom Sachverständigenrat oder von der Stiftung Warentest – kommen aber zu dem Ergebnis, dass die Versicherten bei durchschnittlicher Lebenserwartung deutlich mehr an Leistungen aus der Rentenversicherung erhalten, als sie eingezahlt haben. Die Rendite der Beitragszahlungen liegt heute bei etwa drei bis vier Prozent und wird für Menschen, die im Jahr 2040 in Rente gehen, voraussichtlich eine Größenordnung von rund drei Prozent haben. Dabei ist zu berücksichtigen, dass man für seine Rentenbeiträge nicht nur einen Anspruch auf eine Altersrente, sondern auch auf Leistungen der Rehabilitation sowie Schutz bei Erwerbsminderung und im Hinterbliebenenfall erwirbt. Dieses große Leistungsspektrum der gesetzlichen Rentenversicherung wird bei Renditevergleichen häufig nicht berücksichtigt.

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