Verbraucher : Lieber in die Sahara

Moritz Döbler

DAS TESTURTEIL: 1 Punkt 0 Punkte: Hände weg und alle Bekannten warnen, 5 Punkte: Noch mal drüber schlafen, 10 Punkte: Sofort kaufen

Sahara-Sommer ist natürlich der ganz falsche Begriff. Total daneben. Was wäre denn in der Sahara? Da säße ich in einer Oase unter einem Sonnensegel im Schatten, hätte meinen Laptop aufgeklappt und würde gerade einen brillanten Text auf den Bildschirm zaubern, neben mir ein großes Glas kalter Limonade. Ich bin aber eben nicht in der Sahara, sondern im vierten Stock des Verlagshauses an der Potsdamer Straße. Es ist 18 Uhr 35, und das in die Uhr auf meinem Schreibtisch integrierte Thermometer zeigt 31,1 Grad Celsius an. Das Wasser läuft mir schon den ganzen Nachmittag runter; mein Büro liegt auf der Westseite. So verschwitzt kann ich eigentlich niemandem gegenübertreten, aber absagen kann ich meinen Abendtermin auch nicht.

Die Ironie daran ist: Eigentlich dürfte das gar nicht so sein. Denn auf meinem Schreibtisch steht seit ein paar Wochen ein Hightech-Ventilator der Firma Rowenta namens „Artik“ (die haben sich offenbar nicht getraut, das Ding „Arktis“ zu nennen). Der „Artik“ ist ein silbrig- grauer, gut 30 Zentimeter hoher Plastikzylinder mit fünf Knöpfen und neun roten Leuchtdioden im Bedienfeld. Empfohlener Verkaufspreis 44,99 Euro. Mit einem einfachen Ventilator hat das Gerät zumindest äußerlich nichts mehr zu tun. Und es kann tolle Sachen: zum Beispiel die Geschwindigkeit alle 80 Sekunden nach dem Zufallsprinzip ändern, horizontal in verschiedenen Rhythmen hin und her drehen oder sich nach ein, zwei oder vier Stunden abschalten. Bei jedem Knopfdruck piept der „Artik“ artig und eine andere Diode leuchtet auf.

Für den „Artik“ habe ich ein Jahr gekämpft. Na ja, genauer gesagt habe ich den Kampf verloren, denn eigentlich wollte ich eine Klimaanlage. Nach monatelangem erfolglosen Betteln, einigem Hin und Her, der Formierung eines strategischen Bündnisses und natürlich unerbittlicher Ausdauer meinerseits hat die Abteilung Gebäudemanagement mir den „Artik“ auf den Tisch gestellt. Samt Gebrauchsanweisung in 19 Sprachen. Ich jubilierte, ich fühlte mich als moralischer und sonstiger Sieger, alles erschien mir in einem viel freundlicheren Licht.

Doch das ist vorbei. Denn der „Artik“ senkt die Temperatur nicht. Gar nicht, überhaupt nicht, kein bisschen. Er bläst mir – in beeindruckend vielen Variationsmöglichkeiten – die warme Luft meines Büros ins Gesicht. Ich ließ mich vom Herstellernamen, vom äußerlichen Erscheinungsbild blenden. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Ein Ventilator ist ein Ventilator.

Ach, ich wünsche mich in die Sahara. Oder jedenfalls ganz weit weg von diesem Schreibtisch. Oder ein paar Stufen höher auf der Karriereleiter – in der Chefredaktion gibt es Klimageräte! Mein „Artik“ hat mich zutiefst enttäuscht und mehr noch, als es jeder normale Ventilator gekonnt hätte. Denn der „Artik“ sieht so technisch, so effektiv, so toll aus und kann doch nicht mehr. Einen Trostpunkt kriegt er – aber nur, weil seine Anschaffung ja wenigstens für ein paar Stunden ein kleiner Sieg war.

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