Verbraucher : Mein Auto, dein Auto

Ein eigenes Fahrzeug ist teuer. Teilt man es mit anderen, kann man viel Geld sparen – aber nicht alle Anbieter sind gleich gut

Gerald Drissner

Ein Auto fährt im Schnitt 40 Minuten am Tag. Mehr als 23 Stunden steht es in der Garage, doch die Kosten pausieren nicht: Versicherung, Steuern, Wertverlust, TÜV und Pflege – nach Berechnungen des ADAC kostet etwa ein VW Golf TDI mit 90 PS im Monat 410 Euro. 68000 Deutsche verzichten deshalb auf ein eigenes Auto und teilen sich eines: Sie machen Carsharing. Jedes Jahr werden es 20 Prozent mehr. „Bis zu zwei Millionen Deutsche kommen als potenzielle Kunden in Frage“, sagt Willi Loose vom Freiburger Öko-Institut. Carsharing gibt es in allen Städten mit mehr als 200000 Einwohnern, etwa hundert Unternehmen bieten bundesweit das Autoteilen an.

Die Stiftung Warentest hat nun 14 Anbieter in großen deutschen Städten geprüft. Sieger wurde DB Carsharing, das Angebot der Deutschen Bahn (DB). Service und Tarife überzeugten die Tester. Anders als viele Konkurrenten verlangt die Bahn keinen monatlichen Mitgliedsbeitrag – dafür kostet das Ausleihen etwas mehr. Vor drei Jahren begann die DB mit dem Autoteilen, mittlerweile stehen in 66 Städten 1100 Autos bereit – davon 112 in Berlin, 4500 Kunden nutzen das Angebot. „Bis 2005 sollen alle 87 ICE-Bahnhöfe mit Carsharing ausgestattet werden“, sagt DB-Sprecher Manfred Ziegerath. Derzeit sind es 60, im September sollen Dessau, Wolfsburg und Siegburg folgen.

Auch Shell ist im Rennen. Der Mineralölkonzern bietet seit September 2003 Autoteilen unter dem Namen Shell Drive an. Stattauto in Berlin war 1987 der erste deutsche Carsharer, mittlerweile gehört das Unternehmen zum niederländischen Marktführer Greenwheels. Von 2000 bis 2002 arbeitete Stattauto mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zusammen: Wer eine spezielle Monatskarte kaufte, konnte günstig ein Auto leihen. Derzeit finden Gespräche über eine Wiederaufnahme dieses Angebots statt, bestätigt eine BVG-Sprecherin. „Berlin ist ein interessanter Markt für Carsharing“, sagt Birger Holm, Vorstand von Stattauto. Denn Berlin hat mit 360 Autos pro 1000 Einwohner die geringste Fahrzeugdichte Deutschlands – der bundesweite Durchschnitt liegt bei 540, ermittelte das Kraftfahrt-Bundesamt. Der Grund ist der gut ausgebaute öffentliche Nahverkehr.

Das Prinzip des Carsharing ist einfach: In der Regel muss der Kunde dem Vermieter eine Aufnahmegebühr von bis zu 130 Euro zahlen. Zudem muss er eine Kaution in Höhe von bis zu 600 Euro hinterlegen. Neben einem monatlichen Mitgliedsbeitrag fallen nur noch Kosten an, wenn das Fahrzeug auch wirklich benutzt wird. „Deshalb sollte keine Mindestanzahl an Fahrten vereinbart werden“, warnt die Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen. Auf jedes Fahrzeug kommen im Schnitt 27 Nutzer. Teilen sich mehr als 20 Fahrer ein Auto, kann es zu Engpässen kommen, sagen die Verbraucherschützer. Die Tester der Stiftung Warentest mussten nur bei der Buchung für mehrere Tage Kompromisse bei der Automarke oder bei der Abholstation machen, weil einzelne Angebote nicht verfügbar waren.

Mehr Ärger gibt es bei einem Unfall. Der Selbstbehalt beträgt je nach Anbieter 300 bis 1500 Euro. Einige Anbieter versuchten, die Kunden für Schäden haftbar zu machen, die bei der Übernahme nicht im Bordbuch notiert waren. „Wenn es hart auf hart kommt, dürfte sich manche Passage als rechtlich unwirksam erweisen“, sagt ein Experte der Stiftung Warentest.

Wer im Jahr weniger als 10000 Kilometer fährt, für den lohnt sich Carsharing. Durchschnittlich fährt jeder Deutsche etwa 13000 Kilometer. 200 Euro kann man monatlich sparen, wenn man das Auto teilt, hat der Bundesverband Carsharing (bcs) errechnet. Meist parken die Autos in Wohnvierteln, im Idealfall fünf Minuten zu Fuß vom Kunden entfernt. Eine Reservierung ist nicht an Öffnungszeiten gebunden – das macht Carsharing im Vergleich zu einem Mietauto von Sixt oder Hertz attraktiv. Die Mindestmietdauer beträgt nur eine Stunde, bei Autovermietern dagegen für gewöhnlich einen ganzen Tag.

Die deutschen Carsharing-Unternehmen steigerten ihren Umsatz 2003 um 6,8 Prozent auf 22 Millionen Euro. Viele Anbieter sind als Verein organisiert, sie decken zwar ihre Kosten, machen aber keine Gewinne. Dass man mit Autoteilen auch Geld verdienen kann, zeigt Mobility, der Marktführer in der Schweiz. Er machte im vergangenen Jahr 1,2 Millionen Schweizer Franken operativen Gewinn (780000 Euro), bei 40 Millionen Franken Umsatz (26 Millionen Euro).

Die meisten Kunden teilen das Auto aus ökonomischen und nicht mehr ökologischen Gründen, hat der Carsharing-Verband herausgefunden. Die Umwelt wird trotzdem geschont: Die bundesweit 2500 Teil-Autos ersetzen der bcs-Studie zufolge etwa 15000 Autos. Dadurch werden 190 Millionen Kilometer weniger im Jahr gefahren. In der Stadt werden außerdem Parkplätze frei, und zwar nicht wenige: Die 15000 Autos füllten immerhion eine Fläche von 50 Fußballstadien.

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