Nachhilfe : Freiwillig büffeln

Am Freitag gibt es Zeugnisse. Sind die Noten schlecht, kommt Nachhilfe in Frage. Was Eltern und Schüler dabei beachten sollten.

Miriam Braun
Schüler
Es sind nicht nur schwache Schüler, die Zusatzunterricht bekommen. -Foto: dpa

Na, wie war es? Was Eltern am nächsten Freitag mit dieser Frage meinen, ist das Halbjahreszeugnis. Schwarz auf weiß erfahren sie und ihre Sprösslinge, wie es um deren schulische Leistungen steht. Sind die Noten schlecht, kann man bis zum Versetzungstermin im Sommer noch gegensteuern – etwa mit Nachhilfe. Wir geben Ihnen einen Überblick über die verschiedenen Angebote.

Ein Milliardengeschäft

Jeder zehnte Schüler nimmt in Deutschland Nachhilfe, an weiterführenden Schulen ist es sogar jeder Vierte. Nach Schätzungen des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) geben Eltern jährlich 1,2 Milliarden Euro für Nachhilfe aus. Der Löwenanteil von 70 Prozent entfällt dabei auf private Nachhilfe, sagt Dieter Dohmen, Direktor des Instituts. Die häufigsten Fächer: Mathematik, Latein und Sprachen. Bei rund einem Drittel der Schüler, die Nachhilfe nehmen, sieht es auf dem Zeugnis gar nicht so düster aus. „Oftmals wollen sich die Schüler auch von einer Drei auf eine Zwei verbessern oder büffeln für eine wichtige Prüfung“, sagt Dohmen. In Zeiten, in denen Ausbildungsplätze knapp sind, versuchen gute Schüler, das Beste aus sich heraus zu holen.

Wer braucht Nachhilfe?

Nachhilfe bringt nichts, wenn sie nur von den Eltern gewünscht wird. Auch die Schüler müssen Nachhilfe wollen, um motiviert an die Sache herangehen zu können. Außerdem können nicht alle schulischen Probleme durch Nachhilfe behoben werden. „Deswegen sollte zu allererst das Gespräch mit dem Lehrer gesucht werden“, meint Werner Kinzinger von der Aktion Bildungsinformation (ABI) in Stuttgart. Der Verbraucherschützer hält Nachhilfe für sinnvoll, wenn ein Schüler krankheitsbedingte Lücken hat oder wegen familiärer Schwierigkeiten beeinträchtigt ist. Aber auch wenn die Probleme bei der Schulen liegen – häufige Lehrerwechsel, Unterrichtsausfall, zu große Klassen – kann Nachhilfe gut sein. „Manchmal reicht auch einfach eine Hausaufgabenkontrolle, weil der Schüler keine größeren Lücken aufweist“, sagt Thomas Momotow vom Studienkreis. Aber es kann auch anders laufen: Ist der Schüler in zu vielen Fächern schlecht, ergibt Nachhilfe keinen Sinn.

„Die Lücken sollten überschaubar sein“, meint auch Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Sonst sei der Schüler einfach generell überfordert und das Wiederholen der Klassenstufe oder ein Schulwechsel könnten bessere Lösungen sein. Grundschulkinder sollten nicht wegen des Überehrgeizes ihrer Eltern zur Nachhilfe geschickt werden, „um die Empfehlung für das Gymnasium zu schaffen“, meint Kraus.

Privat oder gewerblich

Eltern oder Geschwister sind als Nachhilfelehrer nicht geeignet. Das emotionale Verhältnis hemme den Lernerfolg und führe nicht selten zu Streit, meint Kinzinger von der ABI. Eine Autorität außerhalb der Familie müsse her. Am besten findet man die über Empfehlungen der Schule oder von Mitschülern. „Lehrer kennen die guten Schüler aus den höheren Klassenstufen. Die sind mit dem Stoff vertraut und können sich mit dem Lehrer absprechen“, meint auch Josef Kraus. Rund zehn Euro zahlt man derzeit in der Stunde – für Schüler. Erteilen ein Student oder ein Lehrer Nachhilfe, werden 15 bis 20 Euro fällig.

Rund 3000 gewerbliche Anbieter gibt es deutschlandweit. In Berlin sind es etwa 150, schätzt der Bundesverband der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen. Wenigen bundesweiten Anbietern steht eine Vielzahl regionaler Anbieter gegenüber. Eine Kontrolle gibt es nicht. Jeder kann ohne jegliche Qualifikationen ein gewerbliches Nachhilfeinstitut gründen. Oft werde mit unseriösen Mitteln gearbeitet, warnt Kinzinger von der ABI. Die Qualifikation der Lehrkräfte, die Zusammensetzung der Gruppen und die Räumlichkeiten unterscheiden sich stark.

Institute vergleichen

Häufig gibt es bei gewerblichen Anbietern kaum Informationen über die Qualifikation der beschäftigten Lehrkräfte, auch wenn mit einer hohen Professionalität des Unterrichts geworben wird. Es fehlen einheitliche Gütesiegel oder Qualitätskennzeichen. „Unseriös sind oft Anbieter, die in Inseraten nur Telefonnummern und keine Adresse aufweisen“, meint Kinzinger. Institute bieten oft Zeitverträge von drei, sechs oder mehr Monaten an. Solide Anbieter erkennt man daran, dass auch die Zeitverträge vorzeitig gekündigt werden können. Langfristige Verträge ohne Kündigungsmöglichkeit solle man gar nicht unterschreiben, warnt Verbraucherschützer Kinzinger: „Streichen Sie die einschränkenden Passagen und schreiben Sie eine monatliche Kündigungsfrist in den Vertrag.“ Seriöse Anbieter sollten damit kein Problem haben. Auch Marion Lauterbach von der Schülerhilfe verspricht: „Wenn ein Schüler die Nachhilfe beenden will, wegen Umzugs oder weil sich seine Noten besonders schnell verbessert haben, dann kommt er bei uns aus auch dem Vertrag raus.“ Es bringe auch dem Institut nichts, wenn die Schüler unzufrieden zur Nachhilfe kommen.

Kündigen

Ist der Vertrag geschlossen und enthält er kein Kündigungsrecht, haben die Eltern einen schweren Stand. Eine Anfechtung wegen arglistiger Täuschung ist nur möglich, wenn das Institut falsche Angaben bei Vertragsabschluss gemacht hat. Eine Kündigung aus wichtigem Grund kann man laut Kinzinger bei Umzug oder längerer Krankheit versuchen. Nachhilfe ist nach Meinung der ABI zudem ein „Dienst höherer Art“, der ein besonders Vertrauensverhältnis beinhaltet. Daher könne man versuchen, den Vertrag fristlos zu kündigen – auch ohne Angabe von Gründen.


Unterricht in der Gruppe kann für viele Schüler beflügelnd wirken: „Sie sehen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind“, meint Thomas Momotow vom Studienkreis. Die Schüler trauen sich, „dumme Fragen“ zu stellen, profitieren von den Fragen der anderen und können sich gegenseitig helfen, meint er. Wichtig sei jedoch, dass die Gruppe nicht zu groß und homogen zusammengesetzt sei. Die Schüler sollten ungefähr dasselbe Alter und ähnliche Defizite haben.

Beim Einzelunterricht kann hingegen noch gezielter auf die Probleme des Schülers eingegangen werden. Gerade wenn nur versäumter Lernstoff aufgeholt werden muss, kann eine zeitlich begrenzte Einzelnachhhilfe sinnvoll sein. „Leider lernt der Schüler dann isoliert“, bemängelt Verbraucherschützer Kinzinger. Auch kommerzielle Schulen bieten Einzelunterricht an, auf Wunsch auch in häuslicher Umgebung.

Die Preise

Eine schlechte Nachricht für die Eltern: Nachhilfe kann man nicht von der Steuer absetzen. Die Preise der Institute variieren je nach Ausgestaltung des Vertrages stark. Die ABI hält Einzelstundenpreise bis zu 20 Euro für angemessen. Bei Gruppennachhilfe sollte der Preis unter Berücksichtigung der höheren Schülerzahl entsprechend niedriger sein. Einnahmen von über 50 Euro pro Stunde für das Institut seien unangemessen.

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