Verbraucher : Neue Spieler auf dem Parkett

Mehr als 30 Unternehmen könnten dieses Jahr an die Börse gehen / Experten erwarten ein gutes Umfeld

Stefan Kaiser

Die Chancen stehen gut, dass 2006 ein Jahr der Börsengänge wird. Nachdem die Zahl der Neuemissionen im vergangenen Jahr erstmals seit der Börsenkrise 2001 deutlich gestiegen ist, erwarten Experten jetzt eine Fortsetzung des Trends. „Wir rechnen mit weit über 30 Neuemissionen in Deutschland“, sagt Judie Teigland, Partnerin bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. Viele davon sind allerdings kleinere Unternehmen, die an das neu eingeführte Freiverkehrssegment Entry Standard der Deutschen Börse streben. Auch beim ersten Debüt, das am Mittwoch über die Bühne ging, wurden nur 50 000 Aktien für knapp 2,8 Millionen Euro ausgegeben. Wer allerdings von dem Nanotechnologie-Unternehmen Neosino mit Papieren bedacht wurde, machte direkt einen guten Schnitt. Der Kurs erreichte 92,50 Euro – das waren 66 Prozent mehr als der Emissionspreis.

Teigland von Ernst & Young hat in einer Studie die Aktien untersucht, die im vergangenen Jahr erstmals an deutschen Börsen angeboten wurden (Initial Public Offerings, kurz IPOs). Das Ergebnis: 24 Unternehmen haben den Schritt an die Börse gewagt – so viel wie seit fünf Jahren nicht mehr. Für die Anleger waren die meisten Börsengänge ein Erfolg: Bei 15 der 24 Firmen war der Börsenkurs zum Jahresende höher als der Ausgabepreis.

„Das IPO-Jahr 2005 war überraschend positiv“, sagt Florian Weber, Chef der Düsseldorfer Wertpapierhandelsbank DKM. Der wichtigste Grund sei die insgesamt freundliche Börsenentwicklung gewesen. „Vor allem im zweiten Halbjahr haben sich immer mehr Unternehmen getraut, an die Börse zu gehen.“ Trotzdem entwickelten sich 2005 nicht alle Neuemissionen so, wie es die Anleger erhofft hatten. Die Aktie des Fernsehsenders Premiere rutschte nach einem guten Börsenstart deutlich ab und brach vollständig ein, als Premiere den Zuschlag für die Übertragungsrechte der Fußballbundesliga verpasste. Auch die Anbieter geschlossener Fonds schnitten schlecht ab, etwa die Hamburger HCI, die Schiffsbeteiligungen und Immobilienfonds vertreibt. „Da haben sich einige Anleger die Finger verbrannt“, meint Weber. Gut liefen dagegen die Börsenneulinge aus der Solarenergiebranche, vor allem die Aktien Conergy und Q-Cells.

Für 2006 rechnet Eberhard Dilger, Leiter des Aktienemissionsgeschäfts bei der Commerzbank, mit 15 bis 20 größeren Börsengängen mit einem Emissionsvolumen von mehr als 50 Millionen Euro. „Für ein Land wie Deutschland sollte das auch als jährliches Normalmaß zu erwarten sein“, sagt Dilger. Zustände wie im Jahr 2000, als weit über 100 deutsche Firmen an die Börse strebten, werde es wohl nicht mehr geben.

Grund für die optimistischen Schätzungen der Experten liefert wieder vor allem das gute Börsenumfeld. „Die Unternehmen präsentieren gute Zahlen“, sagt Commerzbanker Dilger. Er rechnet damit, dass die Zinsen in Europa und den USA nur noch moderat steigen, und sieht auch im Ölpreis momentan keine große Gefahr. „Vielleicht wird die Börse 2006 nicht mehr ganz so gut laufen wie im vergangenen Jahr“, schätzt Dilger, „aber freundlich wird sie schon“.

„Die Firmen wollen das gute Umfeld ausnutzen“, sagt Unternehmensberaterin Teigland. Viele warteten nur auf einen günstigen Moment. Auch für Finanzinvestoren, die sich in den vergangenen Jahren oder Monaten an deutschen Unternehmen beteiligt haben, biete das gute Börsenklima eine Möglichkeit, ihre Beteiligungen mit Gewinn wieder loszuwerden.

Die Reihe der Unternehmen, die nach Meinung der Experten in diesem Jahr einen Gang an die Börse wagen könnten, ist bunt gemischt. Als wichtigste Kandidaten gelten zwei Abspaltungen großer Dax-Unternehmen: Der Halbleiterhersteller Infineon will zum 1. Juli seine Speicherchipsparte vom Rest des Konzerns abtrennen und anschließend an die Börse bringen. Auch der Bad Homburger Pharma- und Chemiekonzern Altana will sich aufspalten: Ob die Chemie-Sparte an die Börse gebracht wird oder die neuen Aktien den alten Aktionären gratis zugewiesen werden, ist aber noch unklar.

Zwei Berliner Unternehmen könnten ebenfalls bald auf dem Parkett gehandelt werden. „Wir prüfen einen Börsengang und stellen uns intern so auf, dass es möglich wäre“, heißt es bei Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft Air Berlin. Beim Wissenschaftsverlag Springer Science and Business Media gibt man sich noch vorsichtiger: Man habe noch keine konkreten Börsenpläne, kommentierte eine Sprecherin Meldungen aus Finanzkreisen, wonach ein IPO im ersten Quartal schon beschlossene Sache sein soll.

Ansonsten erwarten Aktienmarktspezialisten vor allem Börsengänge aus den Branchen Biotechnologie und neue Energien. „Wir rechnen damit, dass der Bereich regenerative Energie so schnell wie möglich versucht, an den Markt zu gehen“, sagt Aktienhändler Weber und warnt aber vor zu viel Optimismus. „Gerade diese Unternehmen sind mit sehr viel Vorschusslorbeer bedacht.“

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