Ostern : Die Schokoladenseite

Die deutsche Süßwarenindustrie kämpft an zwei Fronten: gegen Brüssel und die Spekulanten, die den Kakao teuer machen.

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Berlin - Wenn es um Osterhasen und Weihnachtsmänner geht, hört für Dietmar Kendziur der Spaß auf. „Die EU verunstaltet unsere Produkte“, schimpfte Kendziur am Donnerstag in Berlin. Der Geschäftsführer von Ferrero Deutschland und Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) hat eine Horrorvision: Bunte Schokohasen oder Nikoläuse, die auf ihrem Bauch eine Banderole mit Angaben zu Kalorien, Fetten oder Zucker tragen müssen. Das könnte schon bald der Fall sein. Mitte März wird der Umweltausschuss im Europaparlament entscheiden, wie Europas Bürger künftig über das informiert werden müssen, was in Lebensmitteln enthalten ist (siehe Kasten).

Auf Europa ist der Verband schlecht zu sprechen. Aber der größte Feind der deutschen Süßwarenindustrie sitzt nicht in Brüssel oder Straßburg, sondern in den Finanzmetropolen Frankfurt oder London: die Spekulanten, die nach der Finanzkrise damit begonnen haben, Milliarden in Rohstoffe zu stecken und so die Preise künstlich in die Höhe treiben. Zu den Lieblingsobjekten der Spekulanten gehört der Kakao. Rund 2500 Euro kostet die Tonne derzeit. „Seit 2007 hat sich der Preis verdreifacht, obwohl weniger Kakao verarbeitet worden ist“, berichtet Hermann Hauertmann, Kakaoexperte des BDSI. Unter dem Preisanstieg leiden die deutschen Schokoladenhersteller besonders. Sie verarbeiten rund 350 000 Tonnen pro Jahr, das sind zehn Prozent der Weltkakaoernte.

Trotz der Preisblase an den Warenterminbörsen ist die Schokolade, die deutsche Verbraucher im Laden kaufen, kaum teurer geworden. Das liegt an der starken Stellung des Handels, sagt der Süßwarenverband. „Der Einzelhandel will die Preise nicht erhöhen“, betont Hauertmann. Im Gegenteil: Eine Preisrunde jagt die nächste. Am Donnerstag senkten erneut zahlreiche Discounter ihre Preise – zum dritten Mal in diesem Jahr. Säfte, Windeln und Apfelmus sind jetzt in vielen Läden billiger. 2009 hatte es insgesamt zwölf Preissenkungswellen gegeben.

Die Produzenten fühlen sich in die Zange genommen. „Die Hersteller stecken in der Krise“, sagt Jürgen Rausch, Inhaber des Berliner Chocolatiers Fassbender & Rausch. Über 50 000 Menschen arbeiten in der deutschen Süßwarenindustrie. Sie stellten im vergangenen Jahr knapp 3,6 Millionen Tonnen Schokolade, Knabberartikel und Speiseeis her – 2,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Krise trifft nicht nur deutsche Anbieter. Am Donnerstag gab der belgische Schokoladenproduzent Godiva bekannt, dass er ein Viertel seiner rund 360 Beschäftigten in Brüssel entlassen wird.

Um ihre Preise in den Supermärkten zu verteidigen, haben einige Hersteller möglicherweise zu ungesetzlichen Mitteln gegriffen. Das Bundeskartellamt ermittelt derzeit gegen Süßwarenhersteller wie Mars wegen des Verdachts auf Preisabsprachen. Anfang dieses Jahres hatten die Ermittler verschiedene Geschäftsräume durchsucht. Ob die aktuellen Rekordpreise beim Rohkakao die Bildung neuer Kartelle unterstützen, wollte der Verband am Donnerstag jedoch nicht sagen.

Der BDSI setzt vielmehr auf die Politik. Die Bundesregierung soll sich auf internationaler Ebene für mehr Transparenz und eine Begrenzung der Spekulation einsetzen, fordert der Verband. Und hofft zugleich darauf, dass der Spuk bald vorbei ist. Kakaoexperte Hauertmann rechnet damit, dass die Kakaorohstoff-Blase wie zuvor die Öl- und Immobilienblase bald platzen wird. Dann könnten die Rohstoffpreise rasant sinken.

Aber nicht alle Hersteller sind von den Spekulationen betroffen. Jürgen Rausch, der für seine Schokoladen nur Kakao aus ausgesuchten Plantagen verwendet, verhandelt mit den Kakaobauern vor Ort direkt – ohne Zwischenhändler. Der Senior, der die Geschäfte in vierter Generation führt, ist empört darüber, wie die Bauern vor Ort ausgenutzt werden. „Die Zwischenhändler sind oft windige Einkäufer, die mit ihrem Pick-up vorfahren“, berichtet Rausch von seinen Erlebnissen in Ecuador. „Die erzählen den Bauern, dass die Weltpreise wegen der Wirtschaftskrise gefallen sind und sie daher nur noch die Hälfte für die Waren zahlen können“, empört sich Rausch. „Von den hohen Kakaopreisen haben die Bauern nichts, es verdienen nur die Spekulanten.“

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