Verbraucher : Ran da!

Henrik Mortsiefer

DAS TESTURTEIL 5 Punkte
Legende: 0 Punkte: Hände weg und alle Bekannten warnen, 5 Punkte: Noch mal drüber schlafen, 10 Punkte: Sofort kaufen

„Behandle Deine Fisheye-No.2-Kamera stets liebevoll, sie wird es Dir zu danken wissen.“ So schön kann die Gebrauchsanweisung eines Fotoapparates klingen. „Solltest Du irgendwelche Schwierigkeiten mit der Kamera haben, zögere nicht, unsere Hilfe in Anspruch zu nehmen“, heißt es da weiter. Wie sympathisch!

Nun werden wir auch bei Ikea geduzt. Und schon Google hat uns mit Appellen wie „Nichts Böses tun!“ oder „Die Welt besser machen!“ im Börsenprospekt gezeigt, dass Konzerne zu unerwarteten Äußerungen fähig sind. Aber die Produktbeschreibung der Fischaugen-Kamera von der Internationalen Lomographischen Gesellschaft treibt es auf die Spitze.

Lomo… wie? Unkundige werden den sperrigen Herstellernamen für eine wissenschaftliche Einrichtung halten. Eigentlich sind die weltweit tätigen Lomographen das auch. Sie betreiben die angewandte Wissenschaft der „lässigen Schnappschussfotografie“, wie es Wikipedia treffend beschreibt. In der Tradition der St. Petersburger Kamerahersteller Leningradskoye Optiko Mechanichesckoye Obyedinenie schießen die Anhänger der Lomo-Schule seit Anfang der neunziger Jahre mit preiswerten Nachbauten Fotos aus der Hüfte – und bringen Erstaunliches hervor. Manche sagen: Kunst. Auf Motive, Schärfe oder Bildausschnitt wird nicht geachtet.

Mit der Fisheye No.2 hat die Lomo-Gesellschaft weiteres, für die Bewegung hilfreiches Arbeitsmaterial in den Handel gebracht. Die Kamera aus Hartplastik eignet sich hervorragend für den gezielten Regelverstoß. Denn eines der zehn Lomo-Gebote lautet: Denke nicht über Regeln nach! Ein anderes: Bring die gewünschten Objekte so nahe wie möglich an die Linse. Genau hier fängt das Problem an.

Mit der Fisheye No.2 muss man schon SEHR nah an das abzulichtende Objekt heran, um ein schönes, lomotypisches Foto zu machen. Ignoriert man die vorgeschriebene Distanzlosigkeit, enttäuscht das Ergebnis. Das mit Blitzlicht ausgestattete Testgerät schoss an einem Party-Abend überwiegend dröge Guckloch-Bildchen mit breitem schwarzen Rand. Auch die gewollt per Schalter ausgelösten Doppelbelichtungen fielen hübsch, aber keineswegs umwerfend aus. Die im beigefügten Booklet präsentierten Muster machten deutlich mehr her. Übrigens taten wir uns auch beim Einlegen des Films reichlich schwer. Eine Fingerübung, die wir womöglich in Zeiten digitaler Fotografie einfach verlernt haben. Lomographen dürften es lässig hinnehmen. Wir fanden es lästig.

Die Idee, eine lustig aussehende Kamera zu bauen, die die Welt ausschließlich mit dem Fischauge sieht, ist sympathisch. Die Fisheye No.2 konkurriert damit nicht auf dem digitalen Megapixel-Markt. Sie ist etwas für Sympathisanten des Lomo-Universums, das einen Ausflug unter www.lomography.com unbedingt lohnt. Lomographie ist Teil Deines Lebens, lautet Gebot Nummer drei. Wer sich daran hält, dem tun 70 Euro für die Fisheye No.2 nicht mehr weh.

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