Verbraucher : Rund, rot und manchmal giftig

Minimal-Kette hat reagiert und prüft jetzt ihre Lieferanten strenger /Bei Bio-Ware kann man unbesorgt sein

Philip Volkmann-Schluck

Tomaten sehen einfach lecker aus. Knackig und rund und rot, so sollten sie sein. Die feurig-rote Farbe hat die Tomate vom Lycopin, einem natürlichen Zellschutzmittel. Es schützt den Körper vor schädlichen Sauerstoff-Molekülen und soll sogar das Krebsrisiko senken. Viele Kunden greifen daher im Supermarkt-Regal zu Tomaten, weil sie sich gesund ernähren wollen. Doch die roten Früchte können auch schädlich sein: Viele Sorten sind mit Pestiziden belastet, wie die Stiftung Warentest jetzt herausfand.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Test“ wurden Tomaten aus 25 verschiedenen Läden auf Pestizide untersucht. Das Ergebnis: In 16 Proben haben die Tester eine Belastung nachgewiesen. Über dem gesetzlichen Grenzwert lagen allerdings nur die spanischen Tomaten der Rewe-Tochter Minimal. Hier wurde die Höchstmenge für ein Pilzbekämpfungsmittel überschritten. „Die Tomaten sind durch unsere Kontrollen gerutscht. Aber wir haben den Zulieferer sofort gesperrt“, sagte ein Sprecher der Rewe-Handelsgruppe dem Tagesspiegel. Im Herkunftsland Spanien hätte die Belastung den nationalen Bestimmungen entsprochen. In Deutschland gelten aber strengere Grenzwerte. Hier liegt die zulässige Konzentration um das Zehnfache niedriger.

Eine direkte Gesundheitsgefährdung ist mit dem überschrittenen Höchstwert jedoch nicht verbunden. „Selbst dann nicht, wenn ein Erwachsener täglich ein Pfund von solchen Tomaten essen würde“, sagt Ursula Loggen, Lebensmittel-Expertin der Stiftung Warentest. Trotzdem gilt natürlich: Je weniger Pestizide, desto besser. Denn über die langfristige Wirkung von Rückständen und die Wechselwirkung mit anderen Schadstoffen ist bisher wenig bekannt.

Deutlich belastet waren auch die Tomaten von Kaiser’s: Auch sie enthielten verschiedene Pestizide, diese überschritten aber nicht die erlaubte Höchstmenge. Die Belastung blieb bei der Hälfte des Erlaubten. Ob Kaiser’s seinen Lieferanten wechseln will, ist unklar. Eine Stellungnahme des Unternehmens lag bei Redaktionsschluss nicht vor. Auch in den holländischen Rispentomaten von Aldi-Nord wurden Schadstoffe nachgewiesen, aber nur in geringen Mengen. „Wir wollen die Pestizidgehalte weiter senken“, teilte der zuständige Einkaufsleiter dem Tagesspiegel mit.

Frei von Rückständen waren neben den vergleichsweise teuren Bio-Tomaten (3,50 bis fünf Euro pro Kilo) auch günstigere Sorten aus dem konventionellen Handel, zum Beispiel von Lidl oder Wal-Mart. Allerdings kann sich der Kunde nur bei Bio-Produkten darauf verlassen, dass wirklich keine Chemie im Spiel ist. „Oft werden Pestizide verwendet, die sich während der Reifezeit auf und in der Frucht von alleine abbauen“, sagt Loggen. Ob eine Tomate belastet ist, kann man beim Einkaufen mit dem bloßen Auge unmöglich erkennen. „Nur gründliches Abwaschen mit lauwarmem Wasser hilft.“

Pestizid ist ein Oberbegriff für viele Stoffe, die beim Pflanzenanbau verwendet werden. Die meisten belastenden Stoffe – zwei Drittel – waren Anti-Pilz-Mittel (Fungizidien), die Tester fanden aber auch Mittel gegen Insekten (Insektizide) oder Milben. Das Test-Ergebnis entspricht dem, was auch die Lebensmittelüberwachung regelmäßig herausfindet. Bei der Pestizidbelastung liegen Tomaten insgesamt im Mittelfeld, Trauben und Paprika zählen zu den Spitzenreitern.

Ein Gift enthalten Tomaten übrigens schon von Natur aus. In grünen Stellen enthält das Nachtschattengewächs so genanntes Solanin. Es bleibt auch beim Kochen erhalten und kann in hohen Dosen Übelkeit, Schweißausbrüche und Angstzustände auslösen. Um Vergiftungen hervorzurufen, sind die Mengen in leicht grünen Tomaten aber viel zu gering. Selbst Konfitüre aus grünen Tomaten ist – in üblichen Mengen genossen – nicht schädlich, sagt die Stiftung Warentest.

Übrigens: Auch länger gekochte Tomaten sind noch gesund. Das rot gefärbte Zellschutzmittel ist hitzebeständig, beim Garen löst es sich erst richtig heraus. Noch wirksamer wird es in der Verbindung mit Fett, etwa Olivenöl. Die klassische Nudel-Tomatensoße ist also durchaus gesund. Darüber hinaus ist die Tomate kalorienarm und reich an Vitamin A, C und E.

Ursprünglich stammt die Tomate aus Mittel- und Südamerika. Schon die Mayas und Inkas kannten ihre gesunden Eigenschaften, bereits 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung wurden die Tomaten gezielt angebaut. Als die Frucht nach Europa kam, geriet sie zunächst in Verruf: Sie sei giftig und stürze die Menschen in den Liebeswahn, hieß es. Heute weiß man: Alles Quatsch. Jeder Deutsche isst im Schnitt 20 Kilogramm im Jahr – liebestoll ist davon bisher niemand geworden.

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