Verbraucher : Scheitern auf hohem Niveau

Norbert Thomma

DAS TESTURTEIL 0 Punkte: Hände weg und alle Bekannten warnen, 5 Punkte: Noch mal drüber schlafen, 10 Punkte: Sofort kaufen

testet ein Herzfrequenz-Messgerät zum Joggen Die Dinge müssen zueinander passen, sie müssen die Balance halten, sonst bricht die Welt auseinander. Yin und Yang, Rehhagel und Griechenland, Gänseleber und Gewürztraminer..., ja, das ist Harmonie. Nun ist da dieser elastische Gurt mit einem Sender, dazu ein Armbandempfänger und die Testperson. Gehen die zusammen? Wird der Probant, unterstützt von dem Wunder „Polar S610i“, den nächsten New York-Marathon gewinnen?

Erstens: Verstellbaren Gurt anlegen, einmal um den Korpus, sitzt bequem. Zweitens: Die Uhr ans linke Handgelenk, schweißresistentes Material, passt tiptop. Nun liegt da die Gebrauchsanleitung, 94 Seiten dick. Es gibt das Kapitel „Wechseln von Zeit 1 zu Zeit 2 und umgekehrt“ oder „Laden der Einstellungen vom Computer auf den Empfänger via Up-Link“. Das klingt für den Anfang ein wenig kompliziert, besser, sich mit „Einstellung der Uhrenfunktion“ zu begnügen. Alles genau erklärt, in einzelne Schritte zerlegt, mit Grafiken veranschaulicht. Die Testperson drückt wie befohlen Up- und Downtasten, Stop und Okay… – nichts! Zehn Minuten, halbe Stunde, eine Stunde lesen und drücken. Die Frau sagt: „Gib mal her.“ Die Frau ist technisch viel begabter. Sie schafft es.

Die Testperson sieht: Ruhepuls 56. Ein Freund hat eine Pulsformel gefaxt, bei „fit for fun“ ausgerissen: Ruhepuls + (220 - 3/3 Alter-Ruhepuls) x Trainingskoefizient. Macht 138,5 als optimale Trainingsfrequenz, im erwünschten Fall des Fatburning sind 10 Schläge abzuziehen. Jetzt aber los in die Hasenheide. Holla, die Uhr sagt: Du bist zu schnell! Der Probant möchte Fett verbrennen. Er schleicht fast. Er trippelt auf der Stelle. Er verbrennt Fett, aber er findet, das sieht ziemlich bescheuert aus. Ein Trippelbruder im Park.

Tage vergehen, emsiges Lesen von „Deaktivierung der Erinnerungsfunktion“ und Tasten drücken. Auf dem Display pulst ein Herz, ba-bamm, ba-bamm… Die Testperson sagt leise: „Liebe Uhr, Du hast den Falschen ausgesucht. Ich bin kein Astronaut. Es war ein Missverständnis. Nicht übel nehmen, ja? Ist nicht Deine Schuld.Technologisch bin ich ein Volltrottel.“ Kann es sein, dass die Leuchtanzeige der Uhr der Testperson verständnisvoll zuzwinkert?

Ist das ein trauriges Fazit? Der Probant findet: Nein. Er würde auch keinen Porsche 911 kaufen, nur um ein Regal im Bauhaus abzuholen. Er ist gescheitert. Aber er ist ja auch nur ein Hobbyjogger. Für einen Astronauten ist der „Polar S610i“ eine tolle Sache. Deswegen vergibt der Probant fünf Punkte. Übrigens: Beim Schreiben des Testberichts zeigte die Uhr einen Puls zwischen 66 und 74.

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