Telefonwerbung : Kein Abschluss unter dieser Nummer

Verbraucherschützer wollen Telefonwerbung einschränken. Bundesjustizministerin Zypries ist dagegen eher für Einführung eines Bußgeldes.

Heike Jahberg

Berlin - Sabine B. war 25 und auf der Suche nach einem Nebenjob. Einen Monat lang arbeitete die Studentin in einem Callcenter, dann gab sie auf. Sie hatte keine Lust mehr, Handykunden anzurufen und ihnen den Wechsel in einen teuren Tarif aufzuschwatzen. Am Freitag kam Sabine B. nach Berlin und diente dem Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) als Kronzeugin im Kampf gegen unerwünschte Telefonwerbung. An ihrer Seite: der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, der verdeckt in zwei Callcentern gejobbt und ein Buch über die Arbeitsbedingungen und Verkaufspraktiken in der Branche geschrieben hatte.

Um den Kunden das Einverständnis zum Wechsel abzuluchsen, habe man bewusst Informationen verschwiegen, berichtet die ehemalige Callcenter-Agentin. Etwa die, dass es nach Ende der Laufzeit nicht automatisch ein neues Gerät gibt. Der Verkaufsdruck sei hoch, weil die Callcenter-Mitarbeiter nur Provisionen bekommen hätten, wenn sie den vorgegebenen Tarif verkaufen konnten. Bei einem Stundenlohn von sechs Euro sei man auf die Provisionen angewiesen, betonte die Studentin.

Gerd Billen, seit August neuer Chef des vzbv, will Verbraucher besser gegen die Auswüchse dieser Geschäftspraktiken schützen. Werden Verbraucher ohne ihre Einwilligung angerufen, soll der Vertrag erst dann gültig werden, wenn der Kunde ihn später schriftlich bestätigt. „Die Verbraucher sollen noch mal in Ruhe entscheiden dürfen“, sagte Billen am Freitag in Berlin. Dieses Recht soll nach dem Wunsch des Verbraucherschützers bei der jetzt anstehenden Reform des Wettbewerbsrechts (UWG) verankert werden. Während Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) diesen Vorstoß unterstützt, ist die für die UWG-Reform zuständige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) skeptisch. Sie will mit Bußgeldern gegen unerwünschte Telefonwerbung vorgehen. Zudem sollen Callcenter ihre Telefonnummern nicht mehr unterdrücken dürfen. Ob sie sich auch an die Verträge heranwagen will, wird noch geprüft. Eine Entscheidung solle bald fallen, sagte ein Ministeriumssprecher am Freitag.

Nach heutigem Recht sind Anrufe von Firmen bei Privatleuten unzulässig, wenn diese vorher der Kontaktaufnahme nicht zugestimmt haben. Wird am Telefon ein Vertrag geschlossen, ist dieser jedoch gültig. „Das kann nicht sein“, kritisierte Billen.

Auch die Verbraucher haben die Nase voll. Nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage fühlen sich 86 Prozent der Deutschen durch unlautere Werbeanrufe belästigt, über 90 Prozent sind der Meinung, am Telefon geschlossene Verträge sollten ungültig sein. „Millionen Verbraucher werden jeden Tag belästigt, geärgert und genötigt“, sagte Billen. Die meisten Anrufer kommen aus der Telekommunikations- und Glücksspielbranche. Dennoch wolle er keinesfalls die gesamte Branche verteufeln, betonte der Verbraucherschützer. Nach Meinung Wallraffs gibt es eine Zweiteilung auf dem Markt. „Von 400 000 Beschäftigten sind 200 000 okay“, sagte der Journalist.

Solche Zahlen weist Patrick Tapp, Vizepräsident des Deutschen Direktmarketingverbands, weit von sich. Tapp plädiert dafür, die „Kirche im Dorf zu lassen“. Eine Änderung des Vertragsrechts lehnt Tapp ab. „Eines Tages kann man keine Pizza mehr am Telefon bestellen“, warnt der Unternehmer, der selbst ein Callcenter betreibt. Tapp ist vielmehr dafür, gegen schwarze Schafe hohe Ordnungsgelder zu verhängen. Möglich seien schon jetzt per Gesetz 250 000 Euro. „Wenn ein Unternehmer drei, vier Mal hohe Strafen gezahlt hat, geht für ihn die Kalkulation sowieso nicht mehr auf“, so Tapp. Heike Jahberg

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