Verbraucher : Teure Billigflieger

Die Unternehmen locken mit Schnäppchenpreisen. Doch das dicke Ende kommt am Schluss: Mit vielen Tricks treiben die Airlines die Kosten in die Höhe

Veronika Czisi

„Umsonst fliegen – günstig übernachten“, wirbt der irische Billigflieger Ryanair. Nach Mombasa oder Santo Domingo für 99, nach Istanbul für sechs Euro, klotzt Condor. Tuifly offerierte unlängst sogar 777 000 Gratisflüge, Germanwings 66 666 Flüge zum Nullpreis.

Fakt ist jedoch: Gratis reist niemand. In den meisten Fällen verringert sich die Freude über das Superschnäppchen aus dem Internet von Mausklick zu Mausklick. Der Grund: Gebühren, Entgelte, Steuern, Kosten. Der Ein-CentFlug mit Ryanair von Berlin nach London und zurück, zum Beispiel, kostet am Ende 56,71 Euro.

GEBÜHREN-GEHEIMNIS

Ein Klick auf die Gebührendetails erläutert, wie sich die Gebühren zusammensetzen: So verlangt die irische Airline knapp 20 Euro „Government Tax“, dazu 9,93 Euro Airport Tax, 9,72 Euro „Ins. & Wchr. Levy“ und 17,36 Euro „PSC Non Refundable“. Wer Genaueres wissen möchte, erfährt nach längerer Wartezeit in der Hotline (62 Cent pro Minute), dass es sich bei PSC um eine „nicht erstattungsfähige Passenger Service Charge“ und bei Ins. & Wchr. um eine Wheelchair-Umlage für Rollstuhlfahrer handelt, die von allen Reisenden pro Strecke erhoben wird. Der supergünstige 99-Euro-Trip der Condor nach Mombasa und zurück kostet am Ende 330 Euro – zudem ist man auf zwei Flugtage beschränkt.

ABMAHNUNGEN

Die Verbraucherzentralen versuchen seit einiger Zeit, der undurchsichtigen Preispolitik der Airlines zu Leibe zu rücken. 2006 und Anfang 2007 habe man Abmahnungen an 22 Fluglinien verschickt, sagt Helke Heidemann-Peuser vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Hauptkritikpunkt: Die beworbenen Schnäppchenpreise galten nur dem Kundenfang, über den Endpreis wurde der Kunde zunächst im Unklaren gelassen: Er erfuhr ihn erst auf den folgenden Internetseiten bei der Buchung.

WENIGE TICKETS

Eine Irreführung der Verbraucher sei zudem, dass die Billigtickets häufig nur in sehr geringen Mengen verfügbar seien. „Wenn Verbraucher mit einem Schnäppchenpreis angelockt werden, müssen sie auch erfahren, für welche Termine und Ziele dieses Angebot gilt“, fordert vzbv-Chefin Edda Müller. Für zehn Prozent der Plätze auf einem Flug sollte das Angebot gelten. Mehrere Fluglinien, darunter Easyjet, gaben daraufhin (Teil-)Unterlassungserklärungen ab. „Gegen andere mussten wir klagen, etwa gegen KLM, Air Lingus, Air France und Condor“, sagt Heidemann-Peuser.

Bei manchen Fluglinien hat man, scheint es, gelernt. So bietet die Tuifly seit wenigen Tagen ihre Schnäppchenflüge nicht mehr für einen Cent oder für 99 Cent an, sondern zum realen Endpreis ab 19,99 Euro. Nach wie vor aber gelten die günstigen Preise offenbar nur für wenige Sitze in einem Flieger.

So erhielt letzte Woche, wer bei Easyjet im Oktober einen Flug von Berlin nach Venedig und retour buchen wollte, einen Preis von 31,99 Euro für den Hin- und von 79,99 Euro für den Rückflug. Fügte man in der Buchungsmaske zwei mitreisende Kinder hinzu, so verteuerte sich dieser flugs auf 89,39 Euro. Bei einem dritten Kind stieg der Preis auf über 91 Euro. Wie die Gebührenfalle zuschnappen kann, zeigt auch der Vergleich mit Tuifly: Zwar verlangt die Tui-Tochter für den Flug am gleichen Tag nur 48,99 Euro. Trotzdem bleibt Easyjet am Ende etwas günstiger, denn Tuifly listet für Hin- und Rückflug 60,56 Euro Gebühren auf, zweieinhalbmal so viel wie Easyjet. Darunter sind Gebühren für Treibstoff, Versicherungen und Service, Flughafengebühren, Sicherheitsgebühren und Gebühren für Gepäckkontrollen. Bleibt die Frage: Warum müssen die Airlines keine Endpreise angeben?

DAS DICKE ENDE

Die Verbraucherzentralen berufen sich unter anderem auf die sogenannte Preisangaben-Verordnung: Sie setzt fest, dass gegenüber Endverbrauchern immer Inklusivpreise, also Endpreise, anzugeben sind. Gebührendschungel und die Trennung von Flug- und Endpreis verhinderten auch die Vergleichbarkeit und damit den fairen Wettbewerb, betont Verbraucherschützerin Müller. Die Fluggesellschaften dagegen argumentieren, nur mit der getrennten Auflistung der Gebühren „erfährt der Kunde genau, welche Kosten den Airlines inzwischen aufgebürdet werden“. Zudem werde der Endpreis genannt, aber eben nicht sofort. In Deutschland summierten sich Passagierentgelte, Landeentgelte, Abstellentgelte, Kosten für Lärmschutz, Terrorbekämpfung oder Infrastruktur auf eine Milliarde Euro pro Jahr, moniert etwa Heinz-Joachim Schöttes, der Sprecher von Germanwings, einer Tochter der Lufthansa-Gruppe. Jedes der 16 Bundesländer und jeder Airport rechne dabei anders ab. Ein Fluglinien-Insider, der ungenannt bleiben möchte, setzt dagegen: „Jeder weiß, dass die Gebühren die billigen Kampfpreise nur künstlich hochrechnen sollen.“ So stehe die Wheelchair-Gebühr bei Ryanair in „keinem Verhältnis zu den reellen Mehrkosten“ für Reisende in Rollstühlen. Trotz aller Gebühren sei klar, dass man mit einem Billigflieger „unterm Strich trotzdem günstiger reist“, kontert Easyjet-Sprecher Oliver Aust. So kostete ein Flug bei der in London beheimateten Fluglinie 2006 im Schnitt 60 Euro, während es bei der Lufthansa 120 und bei Air Berlin 100 gewesen seien. Allerdings: Vor der Buchung eines „No-frills“-Flugs (etwa: Flug ohne Schnickschnack) muss genau gerechnet werden.

FRÜH LOS

Denn die Billigpreise gibt es häufig nur mitten in der Woche, bei Flügen sehr zeitig in der Früh (etwa 7.10 Uhr ab Stansted, 55 km von London entfernt) oder nachts (Abflug 3.30 Uhr in Istanbul). Auch kurzfristige Buchungen sind meist deutlich teurer. Bisweilen gilt das Schnäppchen nur für den Hinflug, dafür wird beim Rückflug zugelangt.

WEITE ANREISEN

Zudem fliegen viele Carrier günstigere Flughäfen an, die dafür weit vom eigentlichen Zielort entfernt sind, so dass zum Ticketpreis hohe Transferkosten kommen. Ryanair ist hier besonders kreativ. Beispielweise ist DüsseldorfWeeze 90 km von Düsseldorf entfernt, Frankfurt-Hahn 110 km von Frankfurt. Wer mit Kindern reist, fliegt oft bei einer Fluglinie im mittleren bis höheren Preissegment billiger. Air Berlin etwa, die viertgrößte Fluglinie Europas, räumt Kindern günstigere Preise ein, während die Billigflieger unisono alle Passagiere über zwei Jahren gleich behandeln – obwohl Kinder geringere Treibstoffkosten verursachen. „Sitzplatz ist Sitzplatz, wir können nicht jeden Passagier wiegen“, rechtfertigt sich Easyjet-Sprecher Aust. „Wir setzen auf ein vernünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis“, sagt dagegen Air-Berlin-Sprecher Peter Hauptvogel. Platzreservierungen, Meilenprogramme, Zeitungen im Flieger oder den Ausstieg über einen „Finger“ (statt zu Fuß übers Rollfeld) gebe es bei Billig-Airlines eben nicht.

BEZAHLEN KOSTET EXTRA

Ist der Flug erst gebucht, muss noch bezahlt werden. Man errät es schon: Auch hierfür verlangen die meisten Fluglinien Geld. 2,50 Euro pro Person und Strecke etwa fallen zusätzlich an, wenn man bei Ryanair per Kreditkarte zahlt. Easyjet verlangt für die Buchung via Telefon sieben Euro pro Person und Strecke. Und: Wer einen Koffer mit auf die Reise in einen Ryanair-Flieger nimmt, wird mit weiteren zwölf Euro zur Kasse gebeten. Nur Handgepäck ist auch weiter kostenlos.

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