Verbraucher : Trügerische Sicherheit

Anlagebetrüger setzen zunehmend auf angeblich konservative Produkte

Christina Anastassiou

Wollen Sie risikolose Gewinne mit Rohstoffen oder Devisen an den US-Terminmärkten erzielen – dank ausgefeilter Computerprogramme und hervorragender Mitarbeiter? Obwohl Anleger bei derartigen Versprechen misstrauisch werden sollten, überwiegen oft genug Leichtsinn und Gier. Mindestens 360 Investoren sind so den betrügerischen Geschäften der 1993 gegründeten Guthmann & Roth AG aus Berlin auf den Leim gegangen. Bis Ende 2000 scheint die inzwischen insolvente Wertpapierhandelsbank die Gelder ihrer Kunden noch angelegt zu haben. Anfang 2001 wechselte das Institut aber angeblich den Broker. Auf dem Papier machten die Anleger zwar weiter Gewinne – doch der Schriftverkehr war gefälscht.

Auf diese Weise wurden 35 bis 40 Millionen Euro veruntreut. 2002 wurde das Haus von der Finanzaufsicht geschlossen. Ein Vorstand wurde später zu fünf Jahren Haft verurteilt. Der Alleinaktionär hat sich nach Kroatien abgesetzt.

Die Bank ist kein Einzelfall: Allein im Jahr 2003 hat das Landeskriminalamt (LKA) Berlin 318 betrügerische Börsenspekulationen mit einer Schadenssumme von insgesamt 9,6 Millionen Euro erfasst und 233 Fälle von Anlagebetrug mit 23,23 Millionen Euro Schaden. Bundesweit gab es im vergangenen Jahr 835 kriminelle Börsentermingeschäfte und 8068 Anlagebetrügereien. Der Gesamtschaden: 591,9 Millionen Euro.

Während früher vor allem Warenterminbetrüger von sich reden machten, ist es mittlerweile stiller um sie geworden. Kommissariatsleiter Martin Hechler vom Dezernat Wirtschaftsdelikte beim Berliner LKA: „Die Termindelikte sind stark zurückgegangen. Nach den negativen Börsentendenzen der vergangenen Jahre haben die Anleger wohl das Interesse daran verloren.“

Stattdessen geht der Trend am staatlich unregulierten grauen Kapitalmarkt nun in Richtung Sicherheit. Rechtsanwalt Klaus Nieding, Präsident des Deutschen Anlegerschutzbundes (DASB) in Frankfurt: „Unseriöse Anbieter setzen zunehmend auf vermeintlich seriöse Produkte wie Unternehmensanleihen.“ Das bestätigt Dienststellenleiter Carl Bellmann vom LKA in Hamburg: „Nach der Börsenkrise reagieren Anleger misstrauischer auf spekulative Geschäfte. Deshalb locken Betrüger sie mit konservativen Produkten mit einer gewissen Grundverzinsung.“

Trotz neuer Geldanlagen haben sich die Methoden der Abzocker in den vergangenen Jahren kaum gewandelt. Favorit ist nach wie vor die Kundenwerbung per Telefon. Das „Cold Calling“, also das eigenmächtige Anrufen potenzieller Neukunden, ist zwar verboten. Doch Betrüger umgehen dies, indem sie nach Aussage des Hamburger LKA die Teilnahme an Verlosungen als Aufhänger nutzen. Mit Sätzen wie „Sie haben sich für den neuen Golf interessiert. Möchten Sie auch wissen, wie Sie den finanzieren können?“ schwatzen sie Ahnungslosen einen Anlageprospekt auf.

Ist die Neugierde des potenziellen Kunden geweckt, ruft ein psychologisch geschulter Verkäufer an, der ihn mit aggressiver Gesprächstaktik und unter Zeitdruck zum Geschäftsabschluss drängt. Äußert der Interessent etwa den Einwand, er wolle sich zunächst bei seiner Bank erkundigen, heißt es oft: „Dann können Sie Ihr Geld gleich für 2,5 Prozent dort anlegen – wir bieten Ihnen mehr.“

Der Berliner Kommissariatsleiter Hechler nennt eine andere, relativ neue Masche der Betrüger: „In vermeintlich harmlosen Telefoninterviews werden reihenweise Leute nach ihrer Zufriedenheit mit Wirtschaft und Steuern befragt.“ Bejahe jemand die Frage, ob er zu hohe Steuern zahle, werde er kurz darauf von einem Verkäufer angerufen, der ihm ein Steuersparmodell verkaufen wolle.

Hat der Investor angebissen, muss er das Geld in der Regel auf ein ausländisches Treuhandkonto überweisen. Der offizielle Firmensitz liegt bevorzugt in London oder der Schweiz, und die Betrüger arbeiten mit Rufumleitungen. So landet der Kunde, der eine Züricher Nummer wählt, zum Beispiel in einem Berliner oder Hamburger Call Center. Auf diese Weise verschleiern die Abzocker nicht nur ihren Firmensitz. Mit der Entfernung steigt zugleich die Hemmschwelle geprellter Anleger, Anzeige zu erstatten. Doch davon sind die Kunden nach dem ersten Geschäft ohnehin weit entfernt. Zunächst weisen viele Betrüger nämlich einen Gewinn aus, damit die Anleger eine zweite Summe investieren. Erst dann bereitet ein geschulter Verkäufer sie auf den Verlust vor, der angeblich mit einem weiteren, höheren Einsatz ausgeglichen werden kann.

Damit es gar nicht so weit kommt, sollten Anleger am grauen Markt vorsichtig sein. Wer die Seriosität seines Investments bezweifelt, sollte einen auf Anlagebetrug spezialisierten Anwalt aufsuchen. Informationen dazu geben die Anwaltskammern oder Verbände wie der DASB. Besser ist es, zwielichtige Angebote von vornherein zu meiden. Bei Firmenanleihen ist es zum Beispiel wichtig, ob das Unternehmen bekannt ist, ob es einen Prospekt mit ausführlichen Risikohinweisen und geprüfte Jahresabschlüsse gibt und wie sich Umsatz, Gewinn, Eigenkapitalquote und Cash-Flow entwickeln. Darauf achtet nicht jeder. Klaus Nieding: „Viele durchdenken den Autokauf gründlicher als eine Geldanlage.“

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