Überwachung : Vorsicht Kamera!

Die Kunden werden überwacht – beim Einkaufen, beim Geldabheben, beim Bezahlen. Was geschieht mit den Daten?

Tina-Marlu Kramhöller
lidl
Die Überwachungskameras haben auch Kunden dabei gefilmt, wie sie ihre Pin-Geheimzahl in das EC-Terminal eingegeben haben....Foto: ddp

Spätestens seit der „Lidl-Affäre“ sind viele Kunden verunsichert. Sie fürchten, dass ihre privaten Daten beim Einkaufen nicht mehr sicher sind. Zur Erinnerung: Die Kameras, die der Discounter zur Überwachung seiner Mitarbeiter an den Kassen installiert hatte, zeigten auch Kunden, die beim Bezahlen ihre Pin-Geheimnummer am EC-Karten-Terminal eintippten. Wie groß ist die Gefahr, beim Einkaufen oder beim Geldabheben in der Bank ausspioniert zu werden?

IM LADEN GEFILMT

Auch wenn die Videobilder von einigen Einzelhändlern missbräuchlich verwendet werden sollten, für Heribert Jöris vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) sind Kameras in Geschäften nach wie vor nötig. „Die Überwachung von Verkaufsräumen ist unverzichtbar zur Verhinderung und Aufklärung von Diebstählen und Raubüberfällen“, meint Jöris – gerade im Kassenbereich. Allerdings müsse der Händler auf die Kameras hinweisen.

Berlins Datenschutzbeauftragter Alexander Dix ist deutlich kritischer: „Die Rechtsprechung verlangt, dass eine konkrete Gefährdung besteht, die nachweisbar ist“, etwa wiederholte Überfälle in der Vergangenheit. Der Einsatz von Kameras in der Nähe von EC-Kartengeräten sei dagegen ein „Verstoß gegen die Selbstverpflichtung der Händler“, sagt Christian Thorun vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Eine technische Überwachung im Kassenbereich ist nach den Regeln, die der Handel sich selbst gegeben hat, gänzlich verboten. Hinzu kommt: Die Aufzeichnungen aus dem Laden „müssen in der Regel nach zwei Tagen gelöscht werden“, sagt Datenschützer Dix. Das will Lidl befolgt haben. Die Bänder seien „täglich gelöscht“ worden, sagt eine Sprecherin. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte bar bezahlen, rät Verbraucherschützer Thorun.

IN DER BANK GEFILMT

Auch am Geldautomaten werden Kunden gefilmt. „Die Videoüberwachung findet im Interesse von Banken und Kunden und nach den geltenden Datenschutzrichtlinien statt“, sagt Kerstin Altendorf vom Bundesverband deutscher Banken. Auch wenn durch die Kameras schon oft Überfälle und Diebstähle aufgeklärt werden konnten, fragt man sich doch: Wie viel Persönliches gibt der Bankkunde dem Kameraobjektiv preis?

Auf den Videobändern seien ausschließlich die Gesichter der Personen am Geldautomaten und keinesfalls die Eingabe der Pin zu sehen, betont Kerstin Altendorf. „Die Videobänder werden bis zum Ende des Quartals und dann für weitere sechs Wochen gelagert.“ Das heißt: Hebt der Kunde am 25. März Geld am EC-Automaten ab, dann bleibt die Videoaufnahme bis zum Ende des Bankenquartals, also bis zum 31. März, gespeichert. Da der Kunde aber eine Widerspruchsfrist von sechs Wochen hat, um Fehlbuchungen reklamieren zu können, werden die Bänder erst nach dieser Frist, also frühestens am 12. Mai, gelöscht.

Zum Schutz der eigenen Daten empfehlen Banken und Verbraucherverbände, das Tastenfeld bei der „Eingabe der Pin mit der Hand abzudecken“ und sich nicht über die Schulter schauen zu lassen.

KUNDENSTRÖME WERDEN BEOBACHTET

In erster Linie wurden und werden Videokameras in den Läden eingesetzt, um Diebstähle zu verhindern. Immer häufiger aber sollen die Aufzeichnungen auch Aufschluss über das Einkaufsverhalten und die Vorlieben der Kunden bringen. Die Videokameras beobachten dazu die Kunden beim Einkauf, sie zeigen, welche Regale angesteuert und welche Produkte gekauft werden. Datenschützer sehen das nicht gerne: „Die systematische Beobachtung von Kunden ist nicht ohne Weiteres erlaubt“, warnt Alexander Dix. Die schutzwürdigen Interessen der Kunden müssten respektiert werden.

Die Anbieter versprechen das. Bei der Videoanalyse-Software, die das Potsdamer Unternehmen Vis-à-pix herstellt, bleibe der Kundendatenschutz gewahrt: „Wir übertragen die Bilder nicht über Monitor, die Kunden sind deshalb gar nicht zu sehen“, beteuert Geschäftsführer Engelbert vom Kolke. Die Kamerabilder würden in Echtzeit von der Software analysiert, „die Auswertung landet dann als Report auf dem PC im Marketing“, erklärt vom Kolke. „Unsere Software ist nicht geeignet, um kundenspezifische Daten zu speichern“, und auch die Videobilder würden nicht gespeichert. Der Kunde bleibt anonym.

KONTROLLCHIP AM EINKAUFSWAGEN?

Eine weitere Möglichkeit, um Kundendaten zu missbrauchen, könnten zukünftig sogenannte RFID-Chips sein. „Bisher speichern diese Mikrochips Produktdaten, ähnlich wie die Strichcodes auf Preisschildern“, sagt Meike Kamp vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein. Genauso gut könne diese Technologie allerdings in Zukunft auch verwendet werden, um Kundendaten zu Verkaufs- und Werbezwecken zu speichern. Das Datenzentrum hat ein mögliches Szenario durchdacht: „Die Chipsysteme können an Einkaufswagen installiert werden.“ Ähnlich wie Lichtschranken registrierten die elektromagnetischen Wellen der RFID-Chips „die Produkte, die der Kunde in den Wagen legt, und analysieren so das Einkaufsverhalten“. Die nötigen Hintergrunddaten der Verbraucher könnten Bonus- und Rabattprogramme wie Payback liefern. Datenschutzrechtlich wäre das eine heikle Angelegenheit. Noch ist das Zukunftsmusik, aber wer weiß, wie lange noch.

DATENFALLE KUNDENKARTE

Über 100 Millionen Kundenkarten stecken in den Geldbeuteln der Deutschen. Mit Rabattsystemen wie Payback oder Happy Digits glauben Kunden, Geld sparen zu können – Unternehmen geht es aber darum, Kunden an sich zu binden und Geld zu verdienen. Schwerwiegender ist für Datenschützer jedoch: Persönliche Daten, die der Kunde bei seiner Anmeldung in Umlauf bringt, könnten bei Adresshändlern landen, denn der Kunde muss der Verwendung seiner Daten aktiv widersprechen – und das machen die wenigsten. Laut Nina Purtscher von Payback werden „die Daten ausschließlich von uns und dem Kartenpartner genutzt“. Die Unternehmen speichern die Daten und sehen, welcher Kunde wo was gekauft hat. Kundenüberwachung per Video ist dann gar nicht nötig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar